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Tipps für eine gelungene Alpenüberquerung

Für viele ist es ein langgehegter Traum, einmal über die Alpen zu wandern. DER Klassiker ist der E5 von Oberstdorf nach Meran. Als einer der ältesten Fernwanderwege Europas verläuft er auf Wegen und über Pässe, die traditionell zur Querung zwischen Deutschland, Österreich und Italien genutzt wurden.

Organisiert oder individuell?

Das ist eine Geschmacks- und Erfahrungsfrage: Grundsätzlich lässt sich die Alpenüberquerung auf dem E5 bei entsprechender alpiner Erfahrung jederzeit individuell machen. Bist du ungeübt und hast wenig Erfahrung am Berg, ist es empfehlenswert, sich einer geführten Gruppe anzuschließen. Auch, wer die Tour einfach nicht selbst organisieren will, wird sich über die zahlreichen Angebote von Bergschulen und Reiseveranstaltern freuen.

Wann ist die beste Zeit für die Alpenüberquerung?

Immer wieder taucht die Frage auf, wie es Anfang Juni aussieht für die Alpenüberquerung. Ganz pauschal gesagt: Eher schlecht. Die meisten der Hütten öffnen erst Mitte Juni. Außerdem liegt in vielen Jahren noch reichlich Schnee. Oft ist der sulzig und damit mühsam zu gehen.

Zwischen Mitte Juli und Mitte September hast du die besten Wegverhältnisse: Der Großteil des Altschnees vom vergangenen Winter ist geschmolzen und die Wahrscheinlichkeit für Neuschnee hält sich in Grenzen. Beachte immer: du bewegst dich in alpinem Gelände. Mit Wetterverschlechterung bis hin zu Wintereinbrüchen musst du immer rechnen.

„Nach hinten raus“ lässt sich die Alpenüberquerung außerdem bis etwas Anfang Oktober machen; bevor die allermeisten Alpenvereinshütten für den Winter schließen. Morgens ist es dann mitunter schon (empfindlich) kalt, aber die Wandertage selbst gehören mitunter zu den schönsten, die das Bergjahr zu bieten hat. Womit du rechnen solltest: Je nach Jahr kann ein Wintereinbruch auch so kräftig ausfallen, dass du deine Alpenüberquerung abbrechen musst.

Wenn du individuell gehen möchtest: Gehe nach Möglichkeit NIE – NEVER – NUNCA rund ums Wochenende in Oberstdorf los. Damit meine ich den Zeitraum von Freitag bis einschließlich(!) Montag. Es sind die Tage, an denen zahlreiche geführte Gruppen von Bergschulen und Reiseveranstaltern losziehen. Angefangen bei reichlich vielen Mit-Wanderern auf den Pfaden, über lange Warteschlangen an den Duschen bis hin zu vollen/überfüllten Nachtlagern gibt es genügend Argumente, die für einen individuellen Start am Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag in Oberstdorf sprechen.

Was für einen Rucksack brauche ich?

Am besten einen mit einem Volumen von 30l, maximal jedoch 40l: Auf Deiner Mehrtagestour solltest du ohne Probleme damit auskommen. Je kleiner, desto besser – dein Rücken und deine Knie werden es Dir danken (einige Tipps zum Gewichtsparen). Wenn du die Möglichkeit hast: Kaufe in einem Fachgeschäft ein. Lass dich ausführlich beraten und probiere verschiedene Rucksäcke mit ausreichend Gewicht aus. Es gibt riesige Unterschiede und jeder wird hier seinen ganz eigenen Favoriten finden. Für (kleinere) Frauen hat vor allem Deuter eine große Auswahl an speziellen Damenmodellen, sie sind am Namenszusatz „SL“ zu erkennen: Bei ihnen ist vor allem der Rücken kürzer und schmaler geschnitten, außerdem sind die Hüftflossen und die Schulterträger den weiblichen Formen angepasst. Auch bei anderen Herstellern hat sich in den letzten Jahren ein bisschen was getan und es gibt hier und da spezielle Damenmodelle im Programm (und ich meine damit nicht die Farben). Rucksack-Regenschutz nicht vergessen – er befindet sich manchmal in einem separaten Bodenfach!

Ich war noch nie auf einer Alpenvereins-Hütte – wie läuft’s da bei der Ankunft ab?

Je nach Uhrzeit und Wochentag ist mehr oder weniger los auf den Hütten. Du wirst höchstwahrscheinlich mit anderen Wanderern bzw. mit anderen Gruppen am Nachmittag an der Hütte einlaufen. Am besten erst mal Rucksack auf die Seite gestellt und die Ankunft genießen. Dann ist das ein gängiger Ablauf: Bergstiefel aus und in den vorgesehenen Regalen abstellen. Eventuell nasse Sachen im (meist vorhandenen) Trockenraum aufhängen. Hüttenlatschen an. (Mit Alpenvereins-Ausweis) Beim Wirt melden, Schlafplatz zugeteilt bekommen. Rucksack holen und zum Schlafplatz bringen. Am besten gleich einrichten (Schlafsack auslegen, Decken dazu) und frisch machen. Danach steht einem gemütlichen Bier oder einer Saftschorle auf der Aussichtsterrasse nichts mehr im Wege …

Benötige ich Stöcke?

Um mit einem Vorurteil aufzuräumen: Wanderstöcke sind keine Frage des Alters! Du wirst auf deinem Weg nach Italien hintereinander in mehrere Täler hinabsteigen. Deine Knie werden es dir danken, wenn du da Stöcke verwendest. Übrigens, Abwechslung tut gut: Um Trittsicherheit und Gleichgewichtssinn zu trainieren, laufe – vor allem bergauf und in der Ebene – nach eigenem Gusto immer wieder auch ohne Stöcke.

Brauche ich einen Hüttenschlafsack?

Ja, der ist in den Alpenvereinshütten Pflicht. Falls du ihn vergessen hast, kannst du ihn in Baumwollausführung auf den meisten Hütten kaufen. Besser ist es natürlich, schon vor der Wanderung einen zu erwerben. Statt der gängigen Baumwollmodelle ist ein Seidenschlafsack sehr zu empfehlen. Der ist viel leichter und viel kleiner als sein Baumwoll-Pendant.

Für wen sich die Frage stellt: Ja – selbst im Zimmerlager, wenn du also den Komfort genießen darfst, in einem Bett mit Bettwäsche zu schlafen, verwendest du zusätzlich deinen Hüttenschlafsack. Wer daran zweifelt: Einfach noch mal überlegen, ob hier oben auf dem Berg (mit meist wenig Wasser, wenig Strom) die Bettwäsche an jedem Morgen ausgetauscht und gewaschen werden kann.

Rucksack, Stöcke, Kleidung – Hört sich teuer an. Brauche ich das wirklich alles?

Im Vergleich zu anderen Freizeitaktivitäten ist Wandern eigentlich recht kostengünstig, denn man braucht ja „nur loszulaufen“. Allerdings boomt der Markt seit Jahren und es ist kein Ende abzusehen. Immer ausgefeilter, immer nischiger werden die Produkte. Immer mehr Firmen flüstern uns ein, was wir auf der nächsten Tour un-be-dingt-! dabeihaben müssen. Bei weitem nicht alles braucht man gleich als Gelegenheits-Wanderer. Doch an einzelnen Ausrüstungsgegenständen wie einer Regenjacke führt einfach kein Weg vorbei. Wenn du nun nicht auf Drei dein Konto plündern möchtest, dann denk einfach kurz nach: Was kannst du dir vielleicht bei Freunden ausleihen (zum Beispiel Stöcke oder eine Regenhose). Alternativ sind die Alpenvereinssektionen eine gute Anlaufstelle. Vom Rucksack bis zum Karabiner – Mitglieder haben dort die Möglichkeit Material auszuleihen. Außerdem gibt es Schwarze Bretter im Internet. In München (und sicher auch anderswo) findet zwei Mal im Jahr ein Alpin-Flohmarkt statt. Viele der Sachen dort sind überraschend neu, wenig benutzt, bestens in Schuss und zu einem günstigen Preis zu haben. Oder vielleicht gefällt dir ja auch beim Händler das Modell aus der Vorsaison gut. Falls du von langer Hand planst: Hier lohnt sich langfristiges Schauen. – Die größte Auswahl an reduzierter Wanderkleidung und -zubehör hast du am Ende des Sommers.

Quanto costa? – Wie teuer ist eine Alpenüberquerung?

Eine einigermaßen schwierige Frage. So, wie du bei der Ausrüstung die günstige oder teure Variante „fahren“ kannst, wirst du auch vor Ort dein Budget mehr oder minder belasten. Für die An- und Abreise sind Sonderangebote der Bahn (Bayern-Ticket o.ä.) sehr sinnvoll, bei denen sich einzeln oder in der Gruppe recht günstig fahren lässt. Auf den Alpentvereinshütten musst Du (als Alpenvereinsmitglied) derzeit mit Übernachtungspreise ab 8 Euro (im Lager) rechnen, im Zimmer wird’s teurer. Für Nichtmitglieder ebenso. Hinzu kommen Kosten für Essen und Getränke. Als grobe Orientierung: Willst Du individuell von Oberstdorf nach Meran gehen, dann rechne pro Tag derzeit (Stand 2019) mit 40 bis 50 Euro (je nachdem, ob du dich mit einem Teewasser begnügst oder dir jeden Abend drei Bier gönnst). Mach nicht den Fehler, dich allzu genau an den Preisen in Wanderführern zu orientieren, plane immer einen gewissen Puffer ein.

So rein körperlich: Schaffe ich das und wieviel Vorbereitungszeit braucht eine Alpenüberquerung?

Das hängt individuell stark davon ab, wie fit du sonst so bist.

Der Klassiker unter den Alpenüberquerungen ist der E5 von Oberstdorf nach Meran. Grundsätzlich dürfte jeder, der gesund ist und der regelmäßig Sport macht, den E5 bewältigen. Es ist kein technisch schwieriger Weg. Weder musst du klettern, noch über Gletscher. Dennoch ist es konditionell kein Sonntagsspaziergang.

Wenn dein normaler Tagesablauf zwischen Auto, Rolltreppe und Couch stattfindet, wird’s auf der Alpenüberquerung sicher sehr herausfordernd und du brauchst etwas mehr Vorlauf. Und auch, wenn du zu weit von irgendwelchen Bergen entfernt wohnst, solltest du sicher etwas zeitiger mit der Vorbereitung beginnen. Wichtig aus meiner Sicht:

Ausdauer kannst du immer wieder bei langen Spaziergängen/Wanderungen trainieren. Wenn kein Berg in der Nähe ist: Lauf jede Treppe, die sich findet. Gewöhne dich ans Gewicht und geh immer wieder auch mit vollem Rucksack (du wirst auf der Alpenüberquerung mit rund 8 kg auf dem Rücken unterwegs sein).

Wenn der E5 oder eine andere Alpenüberquerung zu deinen Neujahrs-Vorsätzen gehört, dann hast du bis zum Sommer genügend Zeit, fit zu werden.

Noch was? – Ja!

Having said all that – wenn du weder weißt, wie sich mehr als 600 Höhenmeter in den Beinen anfühlen noch du je eine mehrtägige Wanderung in den Alpen gemacht hast, dann geh einfach noch mal in dich, ob eine Alpenüberquerung das richtige für dich ist. Wähle für den Anfang stattdessen idealerweise eine kürzere Tour. Schau zum Beispiel, für ein Wochenende in den Bergen Erfahrung zu sammeln; am besten in Begleitung von erfahrenen Mitwanderern.

Denn bei aller Vorfreude – denke auch an den Worst Case und sei vorbereitet auf einen möglichen Unfall. Mindestens mit einem 1.-Hilfe-Set, dem passenden Grundwissen im Umgang damit und den Telefonnummern von Bergwacht und Bergrettung im Kopf.

Darüber hinaus: Einfach eine gute Zeit in den Bergen!

Interessieren Dich weitere Details? Frag gerne!  

Übrigens: Inzwischen gibt es im Blog eine ganze Reihe Artikel rund um die Alpenüberquerung auf dem E5 sowie von München nach Venedig und von Berchtesgaden nach Lienz – sie sind jetzt gesammelt in der Rubrik „Alpenüberquerung“.

Mehr rund um die Alpenüberquerung auf dem E5

Über die Alpen? Über die Alpen! – Auf dem E5 von Oberstdorf nach Meran. Ein Selbstversuch

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„Das Beste aber ist das Wasser“ – Kleine Philosophie des Wassertransports auf großer Tour

Kleiner Hütten-Knigge – Damit’s gemeinsam unter einem Dach klappt

Alpenüberquerung in Bildern 

  1. Ich möchte im Juli Solo (max. zu 2.) von Oberstdorf nach Meran. Ich bin körperlich absolut fit und von berufswegen sportlich. Ich bin Mehrtages-Wanderungen bis 2500m Höhe gewöhnt. Wie lange sollte ich einplanen? Die Angebote für Gruppen varieren von 6-10 Tagen im Netz. Gibt es empfehlenswerte Hütten und macht es Sinn, sich vorab um die Transfers (auch auf den Streckenabschnitten) zu kümmern?

    Danke vorab!!

    • Hallo Timo,

      es klingt, als ob du es in sechs Tagen „schaffen“ kannst. Natürlich kommen da immer ein paar Faktoren zusammen. Ich würde sagen: 6 Tage ist das Minimum für’s Wandern, 7-8 Tage sind bequem und alles darüber hinaus ist feinster Luxus. Es kommt ein Stück weit auf die genaue Variante an, die du laufen willst. (Schau’s dir mal auf der Karte an.) Die 6-Tage-Varianten führen oft ab der Braunschweiger Hütte Richtung Vent und Martin-Busch-Haus zum Vernagtstausee. Von dort dann meist mit dem Bus weiter nach Meran. Selbst, wenn du die (Inn- und Pitz-)Talpassagen läufst, ist das in der Zeit zu machen.
      Willst du evtl. im Pitztal noch die Kaunergratvariante laufen, dann musst du mehr Zeit einplanen. Gleiches gilt, wenn du ab der Braunschweiger Hütte weiter auf dem eigentlich E5 bleibst.
      Schau mal beim Bergverlag Rother nach. Die haben ein kleines Büchlein zum E5, in dem du weitere Details findest; es erscheint im Frühling als Neuauflage.
      Ansonsten: Falls du im Inn- und Pitztal ein Großraumtaxi bzw. einen Bus nehmen möchtest – wir haben gute Erfahrung gemacht, einfach draufloszulaufen und dann die nächstbeste Transportmöglichkeit zu nutzen. Du wirst nicht allein sein und alles fährt regelmäßig.
      Zu den Etappen: Schau mal in meinen Artikel http://www.kulturnatur.de/2014/01/02/ueber-die-alpen-ueber-die-alpen/ – die Unterkünfte ergeben sich eigentlich immer ganz automatisch. Einzig, wenn du mal im Talort bleiben willst, bspw. in Zams oder Vent, hast du eine Wahlmöglichkeit.
      Viel Freude und gutes Gelingen auf deiner Alpenüberquerung!

  2. Spitze, lieben Dank für die rasche Info. Jetzt steigt die Vorfreude noch mehr!!!

  3. Esther Walloner

    Tolle Seite – sehr lebensnah und hilfreich! Danke dafür 😉

  4. Hi Nadine,

    schöner Artikel! Vor allem der Tipp nicht am Wochenende loszugehen ist vermutlich gold wert! So einen ähnlichen Tipp gibt es auch für den Traumpfad München Venedig, den wir 2014 gelaufen sind:

    Dort sollte man einen Start am und um den 08.08. vermeiden. Denn an diesem Tag treffen sich oft bis zu 200 Wanderer am Marienplatz in München und wandern gemeinsam in Richtung Venedig. Und wenn man nicht auf den Hütten in der Gaststube auf dem Boden nächtigen möchte, empfiehlt es sich diesen Termin weiträumig (+/- eine Woche) zum Umschiffen 🙂

    Viele Grüße aus Freiburg,
    Alex

    • Nadine

      Hi Alex, ja stimmt, danke für deinen Hinweis! (2014 war doch der verregnete Sommer, oder? Brrr! :-)…) Hört sich an, als seid ihr in einem großen Tross gestartet?

      Ich hab 2015 das von dir beschriebene Treiben auf dem Marienplatz erlebt; wir sind dann selbst eine Woche später losgelaufen. Wobei ich mir nicht sicher bin, dass am 08.08. wirklich alle den kompletten Weg in Angriff nehmen. Das gemeinsame Loslaufen mit dem Erfinder dieses Weges, Ludwig Graßler, und sei es nur ein Stück, hatte ja bis zuletzt gewissermaßen Kultstatus. In Hinblick auf die Hütten gibt es wohl kaum noch den idealen Moment für solche Touren. Letztlich ist’s die unliebsame Kehrseite der Popularität des Weitwanderns: irgendwo wird bei der Alpenüberquerung in der kurzen Sommersaison immer viel los sein.
      Viele Grüße zurück, Nadine

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