Bergauf Hier & da hin

Kurs Ost-Nordost

Herbst im Karwendel

Von Scharnitz auf die Birkkarspitze

Egal, aus welcher Richtung man kommt: Wer auf die Birkkarspitze wandern will, der plant am besten zwei Tage ein. Oder schnappt sich ein Rad …

Erst mal rund 20 Kilometer hinein ins Karwendel, dann 900m hinauf. Und wieder runter. Zurück auch noch. – Tutto completto eine satte Marathonstrecke und 1.800 Höhenmeter. Als Tagestour von Scharnitz aus nur für wirklich hartgesottene Wanderer geeignet. Und – aufgrund des breiten, schottrigen Zufahrtssträßchens – über lange Strecken eher ein Hatscher, wenn auch ein landschaftlich schöner. Die bessere Entscheidung ist’s, die Tour als Bike&Hike zu planen. Dafür braucht’s immer noch einen ordentlich langen Tag.

Das Karwendel mit seinen lang gezogenen Tälern ist ganz besonders prädestiniert, um eine kombinierte Rad- und Wandertour zu unternehmen. Schließlich ließen sich gleich eine Reihe von Gipfeln sonst nur im Rahmen einer Zweitageswanderung meistern.

Die Birkkarspitze also! 2.749m hoch. Und damit der höchste Gipfel im Karwendelgebirge. Ein perfekter Logenplatz, um ringsum auf das weite Gipfelmeer zu schauen. Für den in Scharnitz lebenden Fotografen, Kletterer und Slackliner Heinz Zack ist es der Lieblingsberg. Er weiß schon, warum. Und biwakiert gerne hier oben. So ein Biwak würde auch mir taugen: Westlich vom Gipfelkreuz sind Steine zu einem etwa halbrunden und circa 30 Zentimeter hohen Mäuerchen aufgeschichtet. Es hält den einen oder anderen Windstoß auf. Doch, wie gesagt: Erst mal heißt es, sich von gut 900m über Normalnull hierhinauf zu mühen.

Karwendeltal: Angeralm
Karwendeltal: Angeralm

Ob ich ihn verfluche, fragt mein Begleiter, als wir die letzten Meter zum Karwendelhaus hinaufkurbeln. Nein, natürlich nicht. Es war meine freie Entscheidung, diesen Berg in Angriff zu nehmen. Heute.

Innerlich fluche ich natürlich schon. Über mich: Welch’ dämliche Idee, nach einem starken Husten, der noch immer nicht komplett auskuriert ist, heute hier hinauf zu strampeln.

Alle einmal aufstellen, bitte

Gleich hinter Scharnitz geht’s in einer Kurve erst nach links, dann scharf nach rechts. Und steil den Berg hinauf. Bloß nichts zu schnell angehen.

Kilometer um Kilometer ins Karwendeltal hinein, immer am Karwendelbach entlang. Und immer wieder mit einem kleinen Anstieg zwischendrin. Insgesamt aber wird hier eher Strecke gemacht als Höhe gewonnen. Links die Rückseite der Zacken, an denen der Mittenwalder Höhenweg entlang führt. Rechts die Pleisenspitze. Wieder links irgendwo weit oben der Wörner, wieder rechts -köpfe und -spitzen, die sicher nur echten Kennern der Gebirgsgruppe ein Begriff sind. Sie alle stehen perfekt Spalier an diesem sonnigen Spätsommermorgen.

Hinter der Angeralm und etwa vier Kilometer vor dem Karwendelhaus geht’s dann doch zur Sache. Die Fahrstraße wird steiler. Aus Angst vor einem neuerlichen Husten wage ich es nicht, mich allzu sehr zu belasten. Will nicht tief durchatmen müssen. Logisch, dass ich derart ver- und behindert zack-zack im kleinsten Gang lande. Und mich nurmehr in einem gefühlten Zeitlupentempo immer weiter Richtung der DAV-Hütte zubewege. Bevor es um eine nächste Kurve geht, bauen sich hohe, steile Nordwände von mir unbekannten Bergen auf. Da müssen wir noch hoch – wie desillusionierend … In diesem Moment steuert eine Gruppe Mittfünfziger ihre Bikes behende an mir vorbei. Einer wirft mir einen aufmunternden (oder mitleidvollen?) Blick zu. Ich lächle zurück. Und verschwunden sind sie.

It’s changing time

So, wie sie ausgerüstet sind, ist ihr Ziel die Hütte. Danach geht’s wieder hinunter. Für uns, stattdessen, würde es nur die „Changing station“ sein. Raus aus dem einen Schuh, hinein in den anderen.

Bike&Hike: Changing time
Bike&Hike: Changing time

Jetzt – noch immer einige Kurven vor mir – ist erst einmal Selbstmotivation angesagt: Ich stelle mir vor, wie wir oben ankommen. Die Fahrräder abstellen. Eins-zwei-fix den Schuhwechsel machen, ein paar Schluck aus unseren Wasserflaschen nehmen. Und leichten Fußes weiter nach oben steigen. Unter den bewundernden Blicken der Biker, die mich gerade noch so schnell überholt haben.

Am Karwendelhaus angekommen, läuft dann alles genau so ab. Einzig: Keiner ist draußen um uns eben jene motivierenden Blicke zuzuwerfen. Niemand. Nobody. Nadie. Muss es eben auch so gehen. Und es geht. Selbstmotivation, die Zweite …

Für’s nächste Bike&Hike wüsste ich natürlich, dass zumindest ein paar Minuten der Entspannung – sprich: einfach mal hinsetzen – zwischen dem Radeln und Laufen guttun. Heute ist’s ein Anfängerfehler, sofort weiterzulaufen. Der rächt sich: Durch die Lawinenverbauungen direkt über der Hütte hindurch, hier und da durch ein Drahtseil gesichert, geht der Pfad. Meine Beine wollen mir einfach nicht gehorchen. Gefühlt torkele ich über die kleine Felsstufe. Innerlich macht mich das unsicher. Dies gibt sich erst, als wir bereits ein gutes Stück ins Schlauchkar hineingelaufen sind.

Das Schlauchkar ist berühmt-berüchtigt: Das erste Stück kommt noch recht flach und harmlos daher. Nur, um sich alsbald aufzusteilen. Immer bröseliger und kleinteiliger wird das Geröll. Zwar zweifle ich nicht daran, dass ich heute noch hinauf kommen werde auf den Schlauchkarsattel, doch die Frage ist: Wann? Und Genuss fühlt sich in jedem Fall anders an.

Am Schlauchkarsattel dann dieser immer aufs Neue geniale Augenblick, in dem sich ein schier grenzenloses Panorama auftut. Wo noch im selben Moment jegliche Schinderei, die Dich gerade noch derart geschlaucht hat, vergessen ist.

Blick nach Westen von der Birkkar- zur Ödkarspitze
Blick nach Westen von der Birkkar- zur Ödkarspitze

Nur noch gut hundert Höhenmeter müssen wir nach links überwinden. Durch ein paar seilversicherte, aber leichte Stellen hindurch. Und schon stehen wir am Gipfel. An diesem Fleckchen Stein namens Birkkarspitze, das sich so wunderbar zum Biwakieren eignen würde …

Birkkarspitze
Birkkarspitze

Tipps:

Das Schlauchkar führt nordseitig zum Sattel und damit zur Birkkarspitze hinauf. Bis in den Sommer hinein können sich hier steile Altschneefelder mit all ihren Tücken festklammern. Tagesausflügler, Karwendeldurchquerer und München-Venedig-Wanderer müssen dies gleichermaßen beachten und entweder angepasste Ausrüstung (Leichtsteigeisen) mitführen oder ggf. ihre Tour ein paar Tage oder Wochen nach hinten verschieben oder einen gänzlich anderen Weg wählen.

Alternativ ist der Aufstieg bzw. das Hinaufradeln von Hinterriß möglich. Der Höhenunterschied ab dem Ausgangspunkt ist nahezu identisch. Eine dritte Variante führt von Süden heran an den Schlauchkarsattel: Dazu geht’s mit dem Rad von Scharnitz zunächst bis zum Isarursprung. Kurz dahinter – zuerst am Birkkarbach, dann immer höher – gen Norden und Einsattelung.

Rückweg von Birkkarspitze: Jetzt nur noch rollenlassen ...
Rückweg von Birkkarspitze: Jetzt nur noch rollenlassen …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.