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Wandern mit Suchtfaktor (Teil 1) 

Großglockner.1

Glocknerumrundung: In sieben Tagen um Österreichs Majestät 

In den Hohen Tauern kann das Wandern nun wirklich zur Sucht werden. Die Umrundung des Großglockners ist nicht nur eine besonders eindrucksvolle Mehrtageswanderung. Sie ist auch sehr flexibel zu planen. An mehreren Stellen ist der Einstieg möglich. Es ist also ganz gleich, von welcher Seite man anreist.

Noch auf der Fahrt Richtung Hohe Tauern besprechen auch wir ein letztes Mal, wo’s nun für uns losgehen soll. Und letztlich bleiben wir bei unserem ursprünglichen Plan: Von Fusch aus geht es zur Gleiwitzer Hütte; von dort entgegengesetzt des Uhrzeigersinns einmal rund um Österreichs höchsten Gipfel.

Tag 1 – Zur Gleiwitzer Hütte

Glocknerumrundung. Unterhalb der Gleiwitzer Hütte
Unterhalb der Gleiwitzer Hütte

Immer bergauf

Die ersten Meter sind für mich immer die schlimmsten: Der Rucksack fühlt sich noch schwer an. Warum tue ich mir dieses ganze In-den-Bergen-Herumwandern eigentlich immer wieder an? Dazu kommt in den ersten Minuten immer dieses Gefühl, doch etwas ganz Essentielles vergessen zu haben.

Sommer 2013. Fusch liegt uns zu Füßen, der Kirchturm ragt spitz hinaus. Wir haben unser Auto auf dem Hüttenparkplatz am Ortsrand, unweit des Hirzbachs abgestellt. Der Standort lässt mich überlegen: Haben wir eigentlich eine Muren-Versicherung? Das große Regnen mit all den Verwüstungen landauf, landab ist für dieses Jahr hoffentlich vorbei und wir finden das Gefährt in einer Woche hier wieder.

Willkommen in Klein-Kanada

Der Aufstieg zur Hütte zieht sich über eine lange Strecke zunächst ohne große Abwechlung im Wald dahin. Interessant wird’s knapp unter der Hirzbachalm: Das Gelände öffnet sich. Begeistert stehen wir am Rande eines großen Talbodens. Irgendwie so stelle ich mir Kanada vor: Ein vor sich hin plätschernder Bach, in der Nähe eine Hütte. Am Ende des Tales die hohen Berge. Lieblich trifft rau. Stereotyp romantisch eben.

Dass mich der Anblick so fasziniert, hat aber noch einen ganz anderen Grund: Endlich sehe ich den Hohen Tenn, der nach rechts zum Kempsenkopf ausläuft. Dort oben also waren wir vor einigen Wochen auf der Tauerntour.

Der Talboden bietet sich perfekt für eine Pause an. Danach geht’s noch mal etwa eine Stunde in vielen Kurven hinauf zur Gleiwitzer Hütte.

Eine schwere Entscheidung 

Dominierendes Gesprächsthema am Abend: Das Wetter. Heute diskutieren wir besonders lange, ob wir am nächsten Tag über den Gleiwitzer Höhenweg zum Heinrich-Schwaiger-Haus gehen können. Doch die vorhergesagte Störung ist im Anmarsch, Starkregen prasselt schon auf das Hüttendach ein, als wir noch im Gastraum sitzen. Die Temperaturen sollen weiter sinken, oben wird’s schneien. Wir entscheiden uns schweren Herzens, am nächsten Tag einen Umweg durch’s Kapruner Tal zu nehmen. Mit dieser Gewissheit schläft’s sich aber dann einigermaßen.

Tag 2 – Zum Heinrich-Schwaiger-Haus

Glocknerumrundung. Nahe der Gleiwitzer Hütte
Nahe der Gleiwitzer Hütte

Kälte und Regen den ganzen Tag. Gar keine Frage: Unsere Entscheidung vom Vorabend war goldrichtig. Umgeben von trübem Grau geht es von der Gleiwitzer Hütte zunächst 200hm hinauf zur Brandlscharte. Die Gipfeloptionen links und rechts des Weges lassen wir heute aus und steigen statt dessen 1.400m ins Kapruner Tal hinab. Nicht ein schöner Ausblick lenkt vom Weg ab. Stattdessen bläst der Wind kalt. Unsere Regensachen kleben kalt an der Haut. Immerhin: Darunter ist’s trocken.

Im Tal angelangt geht’s wieder bergauf, bis zum Kesselfall-Alpenhaus. Ein mehrstöckiges Parkhaus steht wie ein Fremdkörper in dem immer enger werdenden Tal. Heute wirkt es wahrscheinlich noch gespenstischer als sonst, denn der Regen lässt die Tagesbesucher ausbleiben.

This weather really sucks!

Wir nehmen einen kleinen „Schönheitsfehler“ unserer Wanderung in Kauf und steigen bis zum Mooserboden auf den Bus um. Auf den warten wir nun im Kesselfall-Alpenhaus. Der große Gastraum versprüht einen Retro-Charme. Alles wirkt etwas unterkühlt. Doch wir sind froh, uns einfach ein bisschen aufwärmen zu können. Nur vom angepriesenen Angebot des Tages, einem Stück Marillenkuchen und einem Kaffee, hätten wir vier uns mehr erwartet. „I could have lived with a smaller plate and a bigger piece of cake“, fasst der Spanier die Situation treffend für den Belgier und die beiden Deutschen zusammen. Aber egal, wir wollen heute noch zum Heinrich-Schwaiger-Haus und dort ist die Küche hervorragend.

Die Busfahrt wartet im Sommer 2013 mit einem besonderen Blick hinter die Kulissen auf: Wegen Revisionsarbeiten am Lärchwandschrägaufzug, der die Touristen auf außergewöhnliche Weise ein Stück des Weges hinaufbefördert, fahren wir die komplette Strecke zum Mooserboden mit dem Bus. Es geht durch lange, schmale Tunnel, die zu dem Zuwegenetz des Stauwerkbetreibers gehören. Gerade breit genug, dass der Bus hindurch passt.

Am Mooserboden schauen wir uns in der kleinen Ausstellung über den Bau der Stauseen im und nach dem Zweiten Weltkrieg etwas um. Danach heißt es, noch 700 hm unter die Füße zu nehmen. Bergauf ging’s ja heute auch noch kaum. Während wir wieder mal eine Kehre nach der anderen nehmen, wird deutlich, dass unser Weg heute der einzig vernünftige war: Weiter oberhalb ist alles gut eingeschneit.

Im Heinrich-Schwaiger-Haus geht’s ganz gemütlich zu. Unter der Woche, Anfang September, bei schlechtem Wetter. Kaum zehn Gäste braucht das Hüttenteam heute zu bewirten. Während drinnen auf den Tellern der erste Gang unseres Menüs dampft, reicht draußen der Schneefall nun bis zu uns hinunter.

Tag 3 – Zur Rudolfshütte

Glocknerumrundung. Septembermorgen am Heinrich-Schwaiger-Haus
Septembermorgen am Heinrich-Schwaiger-Haus

Heute sollen wir Strecke machen: Vom Ostende des Mooserboden-Stausees auf das Kapruner Törl. Von dort entlang und hinein in die Schuttmoränen von Oberem Riffl- und Törkees.

Eiertanz bergab

Doch erstmal müssen wir dahin gelangen. „Passt auf euch auf“, hören wir’s noch aus der Küche rufen. Rund um das Heinrich-Schwaiger-Haus ist alles mit einigen Zentimetern Neuschnee bedeckt. Eigentlich kein Thema, sollte man meinen. Doch unterhalb der Hütte gibt es einige plattige und steile Passagen. Mit jedem Meter, den wir tiefer kommen, wird der Schnee weniger. Und das Eis mehr. Nur langsam kommen wir voran. Wo es geht, versuche ich, das Eis mit dem Wanderstock wenigstens ein bisschen von den Felsen, auf die wir treten müssen zu schlagen. So haben wir immer wieder einen sicheren Stand. Der Weg hinunter zum Mooserboden zehrt schon zum Start dieses langen Tages an den Kräften. Doch 700 Höhenmeter und eine Schoko-Pause weiter sieht die Welt bereits wieder freundlicher aus.

Mittendrin

Während der nächsten sechs Stunden geht’s nun zunächst dicht am Stausee entlang. Immer wieder gibt es kleine Bäche zu queren. Die stellen aber keine Hindernisse dar, da alles perfekt mit neuen Holzbrücken versehen ist. Uns grüßt das Schild „Nationalpark Hohe Tauern. Kernzone“. Das gefällt.

Allmählich geht’s wieder bergauf, es wir blockiger. Wir müssen einige Altschneefelder queren. Und stehen plötzlich, schneller als gedacht, am Kapruner Törl. Auf der anderen Seite geht es kurz, steil, aber unschwierig wieder hinunter in einen einzigen Trümmerhaufen. Von oben hängen wuchtig die Gletscher herab, unten fühle ich mich klein, kleiner, mini.

Wo ist Walter?

Ich fotografiere ein wenig. Auf einem der Fotos sind mitten zwischen riesigen Gesteinsblöcken unsere Freunde zu sehen. Oder zu suchen. Eindrucksvoll zeigt sich: Ohne die klitzekleinen, bunten Punkte, die als Größenmaßstab herhalten, hätte niemand die leiseste Ahnung, wie weit diese Landschaft eigentlich ist.

Vorbei an flauschigem Wollgras, nochmal über eine Brücke – und nochmal bergauf. Die letzten 300hm bis zur Rudolfshütte.

Dort nächtigen wir das allererste Mal in einem Notlager. Und genießen eine Sauna mit Gletscherblick. Aber das ist eine andere Geschichte.

Tag 4 – Zum Kalser Tauernhaus

Glocknerumrundung. Nahe Kalser Tauern
Nahe Kalser Tauern

Beim Frühstück herrscht weniger Betriebsamkeit als ich das bei einem Haus dieser Größe angenommen hätte. Aber wahrscheinlich hat hier oben, auf gut 2.300m nicht jeder einen triftigen Grund, um früh aus den Federn zu kriechen. Wir schon: Unser Weg führt uns zum Kalser Tauernhaus. Um dorthin zu gelangen, wollen wir nicht den Talweg nehmen, sondern einem Stück dem Silesia Höhenweg folgen. Rund um die Hütte brechen gerade einige geführte Gruppen Richtung Gletscher auf. Andere Wanderer steigen gemeinsam mit uns zum Kalser Tauern hinauf. Dort oben stehen wir eine Weile später am Alpenhauptkamm und blicken gen Süden.

Ein Stück weiter unten dann der Abzweig zum Silesia Höhenweg: Leicht ansteigend geht es immer weiter hinauf. Bis zum Berg mit dem Spinnevitrol. Dort rasten wir. Auf großen, warmen Steinplatten strecken wir uns.

Wie der Spinnevitrol zu seinem Namen kam, hätte ich zu gerne gewusst. Doch Name hin, Name her. Noch spannender ist, was sich auf der gegenüberliegenden Bergseite tut. Waren die Gipfel dort bisher noch immer in Wolken gehüllt, so verflüchtigen diese sich jetzt. Sie fasern aus, es wirkt, als würden sie einfach ausradiert. „Weggesaugt“ wäre wohl richtiger.

Gestatten: Seine Majestät

Und da steht er, ein markant geformter Felsgipfel. Wie es scheint, der höchste ringsum. Ist „Er“ es tatsächlich? Ich spreche einen der drei älteren Männer an, mit denen wir die letzten Meter zum Spinnevitrol gelaufen sind. „Ja, er ist es“, wird mir versichert. Da hüpft das Bergsteigerherz vor Freude! Und ebenso andächtig wie ausgiebig schauen wir uns den Großglockner an.

Bitte recht fraulich bleiben

Der Weg zum Kalser Tauernhaus ist nicht mehr weit. Nur einmal steil ins Tal hinab. Auf der anderen Seite geht es ebenso steil wieder hinauf: Seit seiner Eröffnung 1930 diente es zunächst den Kalser Bergführern als Stützpunkt für Touren mit Touristen, die von hier Richtung Glockner wollten. In den 60er Jahren kaufte die DAV-Sektion Mönchengladbach das Haus. Aus dieser Zeit fällt uns am Abend auch ein kleines Fundstück in die Hände, das den damaligen Zeitgeist widerspiegelt.

Hier geht’s zu Teil 2 der Glocknerumrundung.

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