1.-Weltkriegs-Gedenkstätte am Zugna Torta

Zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“

Diese extrem guten Momente und diese, in denen die Welt unterzugehen scheint, liegen beim Wandern auf dem Sentiero della Pace fast unerträglich nah beisammen:

Vom Monte Zugna, einem Gebirgsrücken südlich der Kleinstadt Rovereto, hat man an schönen Tagen einen genialen Blick hinüber zur Adamello-Gruppe. Schneebedeckt liegt sie da. Sofort werden Sehnsüchte, sich noch mehr vom Trentino zu erlaufen, geweckt. Ein Lächeln kommt ins Gesicht und scheint den ganzen Körper zu erfassen.

Der Blick schweift ein wenig weiter nach rechts, auf das was unmittelbar vor uns auf dem Monte Zugna zu sehen ist. Und das Lächeln erfriert. Vor uns liegen Schützengräben. Der Berg ist ausgehöhlt und untertunnelt, angebohrt und zerschossen.

Erinnerungstourismus, Erinnerungskultur

Das, was heute als Sentiero della Pace, als Friedensweg, auf einer Strecke von mehr als 500 Kilometern für den Wanderer beschrieben ist, war im Ersten Weltkrieg der Frontverlauf zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Geschichte ist hier vor allem „outdoor“ erfahrbar: Unter dem Namen „Ecomuseo Grande Guerra“ haben sich eine Vielzahl zumeist kleinerer Einrichtungen zusammengeschlossen, die die Spuren des Krieges zeigen. – Denkmäler und Infrastrukturen, Festungen und Schützengräben.

Der Friedensweg wurde in den 80er und 90er Jahren im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ausgeschildert. In den zurückliegenden Jahren war, wenn man Berichte anderer Wanderer liest, die Wegführung nicht mehr immer gut auszumachen. Als wir im Spätsommer 2014 hier oben entlangwandern, ist allerorten zu erkennen, dass gerade in den letzten Jahren erneut vieles zugänglich gemacht wurde. Die weißen Friedenstauben auf den inzwischen alten, wettergegerbten Schildern, die hier und da noch auf dem Boden liegen, sind ersetzt. Heute ist die Taube schwarz auf weißen Grund gemalt.

Selletta dei Due Denti (Pasubio)
Selletta dei Due Denti (Pasubio)

Krieg und Frieden

Der Krieg war schon zehn Monate im Gange, als Italien Ende Mai 1915 gegen Österreich-Ungarn in die Kampfhandlungen eintrat. Vom Tonalepass bis zur Marmolata – Krieg hieß hier Gebirgskrieg. Stellungskrieg. Ein unerbittlicher: Die Truppen verharrten hoch oben über den Tälern. Alles von Lebensmitteln bis Granaten musste hinauf, Verwundete und Tote hinunter geschafft werden. Oftmals über nur schmale Saumwege oder über eigens angelegte Militärstraßen mit aufregend-exponiertem Verlauf.

Die Stellungen auf dem Monte Zugna und auf dem gut eine Tageswanderung entfernten Pasubio gehörten zu den umkämpftesten des gesamten Frontverlaufs. Die italienischen Stellungen hier, die österreichisch-ungarischen Stellungen dort – mitunter kaum 50 Meter voneinander entfernt.

Mitten im Wald: Der Militärfriedhof San Giorgio am Monte Zugna
Mitten im Wald: Der Militärfriedhof San Giorgio am Monte Zugna

Im Gipfelbereich des Monte Zugna, dem Zugna Torta, befreien Arbeiter die Gräben und Stolleneingänge von den Überwucherungen der Natur. Große Info-Tafeln auf Corten-Stahl warten – noch frisch und unverwittert – auf den nächsten Wandersommer. Und damit auf das für Italien eigentlich wichtige Erste-Weltkriegs-Gedenkjahr.

Drüben, auf dem Pasubio, steigert sich an einem Septembermorgen die Stimmung ins Gespenstische. Dichter Nebel umwabert uns, wir können kaum 20 Meter weit blicken. Hier oben, am „Dente Italiano“ und „Dente Austriaco“, haben sich Österreicher und Italiener in einem weit verzweigten Tunnelsystem nicht nur aneinander herangegraben, sondern haben sich die einen auch noch unter die Tunnel der anderen gehämmert.

Tunnelsysteme am Pasubio (Dente Austriaco & Dente Italiano)
Tunnelsysteme am Pasubio (Dente Austriaco & Dente Italiano)

Auch hier ist wieder alles Teil des Ecomuseo Grande Guerra. Frei zugänglich und mit einigen Infotafeln versehen. Neben dem italienischen Abriss sind die Texte ins Deutsche und Englische übersetzt. Leider wurde an einem muttersprachlichen Übersetzer gespart, so dass sich das Deutsche recht holprig liest. Aber der englische, sehr verknappte Text, füllt einige Lücken; den Rest erahnen wir uns aus dem Italienischen.

Ehemalige Militärunterkunft am Cògolo Alto: Wie Lamettastreifen schwenken dicke Stahlbeton-"Fäden" im Wind
Ehemalige Militärunterkunft am Cògolo Alto: Wie Lamettastreifen schwenken dicke Stahlbeton-„Fäden“ im Wind

Am ersten der „Zähne“, dem „Dente Italiano“, können wir einem der Tunnel, der Galleria Generale Papa, folgen. Wir schalten die Stirnlampen an, denn hier unten ist es sonst zapfenduster. Im Schein der kleinen LEDs wirkt alles ganz besonders spannungsgeladen & unwirklich. Es wäre keine Überraschung, wenn irgendwo noch ein paar Knochen … Ach, denken wir besser nicht drüber nach.

Der Tunnel führt, teils über Stufen, in den Berg hinein. Links und rechts immer wieder Kavernen. Verbindungsgänge, auch Aushöhlungen, in denen das Kriegsmaterial deponiert war. In 40-Kilogramm-Paketen schleppten Träger einst auch Sprengstoff hinauf auf den Pasubio. Viel Sprengstoff.

Mit 50 Tonnen Sprengstoff zerlegt: Dente Italiano
Mit 50 Tonnen Sprengstoff zerlegt: Dente Italiano

Am 13. März 1918 dann flog der Nordhang des Dente Italiano in die Luft: Die österreichischen Gebirgsjäger hatten 50(!) Tonnen Sprengstoff im Gestein angebracht. Woanders braucht die Natur Jahrtausende, um einen derartigen Trümmerhaufen entstehen zu lassen. Hier oben reichten ein paar Stunden und 30 Explosionen.

Und doch immer wieder himmelhoch jauchzend

Alles recht trüb auf dem Sentiero della Pace? –Einerseits ja. Andererseits sind da diese fantastischen Momente, in denen man einfach nur ins Staunen kommt bei den Ausblicken, die sich hier auftun. Wir lernen die Kulturlandschaft und einige Menschen kennen, die hier leben. Erinnern uns an den Abend, an dem der Hüttenwirt aus seiner Sammlung von 23 Grappas nach und nach immer mehr Flaschen auf unseren Tisch stellt. Mit einem aufmunternden wie stolzen Lächeln im Gesicht. Zum Probieren: Zirben-, Kardamom-, Zimt-, Anis-, Latschenkiefer-Grappa – you name it. Auf einer anderen Hütte genießen wir recht aufwendige, viergängige Menüs, bei denen der Wunsch aufkeimt, ganz bald noch mal länger hierher zu kommen. Genügend Dinge zu tun gäbe es allemal noch: Bei besserer Sicht auf dem Pasubio wandern, mit dem Mountainbike die kurvenreichen Gebirgssträßchen hinaufkurbeln und wieder hinuntersausen, das Auf und Ab am Cinque-Cime-Klettersteig unter die Füße nehmen, nochmals durch die 52 Tunnel der Strada delle 52 gallerie wandeln. Hinterher, unten im Tal wieder, ein Eis genießen. Oder einen Cappuccino. Und reden – über das was war, was ist, und was vielleicht kommt.

Ergänzung – Praktische Tipps:

Zugna Torta: Schöne Ausblicke auf dem Sentiero della Pace
Zugna Torta: Schöne Ausblicke auf dem Sentiero della Pace

Anreise: Für eine etwa fünftägige Wanderung auf dem Sentiero della Pace (auf dem Abschnitt rund um den Pasubio) eignet sich die Kleinstadt Rovereto perfekt als Ausgangs- und Endpunkt. Gute Unterkunfts- und genügend Parkmöglichkeiten. Wer mit der Bahn fahren möchte: Nur zu! Beispielsweise ab München ohne Umsteigen zu erreichen. Mehrmals täglich.

Wanderführer: Klassische deutschsprachige Wanderliteratur zum Friedensweg gibt es nach wie vor sehr spärlich. Das wohl einzige Büchlein, das durchgehend den gesamten Sentiero della Pace beschreibt, ist das zweibändige „Auf dem Friedensweg in die Dolomiten“ von Helmut Dumler. (Der Pasubio-Abschnitt ist im Band 1 – „Vom Tonalepass zum Monte Pasubio“ – zu finden.) 2005 im Atheist Spectrum Verlag erschienen und vergriffen. Antiquarisch oder in Bibliotheken aufzuspüren.

Karte: Gut zu verwenden ist die 1:25.000er 4Land-Karte „Pasubio-Piccole Dolomiti“ (#118). Wer Kompass-Karten mag, findet dort eine Alternative.

Zum Lesen: „A farewell to arms“ von Ernest Hemingway. Am besten im Original.

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade „Mein Kultur-Tipp für euch“, initiiert von Kulturbloggerin Tanja Praske. Noch bis zum 26. Oktober 2014 haben Blogger die Möglichkeit, mit einem eigenen Beitrag an der Blogparade teilzunehmen. Auf Twitter kannst Du dem ganzen unter #KultTipp  folgen.    

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