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Auf dem Obersalzberg

Das Kehlsteinhaus und die Dokumentation Obersalzberg

Lange habe ich einen großen Bogen drum herum gemacht. Aber wahrscheinlich muss man’s einfach mal selbst gesehen haben: Bei gleißendem Sonnenschein genießen wir eine der wohl schönsten Aussichten im Berchtesgadener Land. – Mein Blick schweift hinab ins Tal. Dann zu all den kleineren und größeren Bergen ringsum. Zum Untersberg. Zum Hohen Göll. Und natürlich vis à vis zum Watzmann. Alles ganz wunderbar hier. Und trotzdem fühle ich mich unwohl.

Das Problem: Wir stehen auf dem Obersalzberg. Und einst war auch Hitler von diesem Berg und diesem Blick angetan. So sehr, dass ihm die NSDAP zu seinem 50. Geburtstag das Kehlsteinhaus schenkte, das wie ein Adlerhorst an der vordersten Spitze des Gipfelplateaus thront. – Das im englischen Sprachraum verwendete „Eagle’s nest“ trifft’s sehr gut.

Um diesen Berg zu verstehen, muss man seine Geschichte verstehen: Den Obersalzberg bei Berchtesgaden, der mit dem aufkommenden Tourismus Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Ehrholungsziel war, besuchte ab 1923 auch Hitler oft. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Berg im großen Stil umgebaut und unterbunkert. In den ersten Jahren setzte ein regelrechter Hitler-Tourismus ein: Sonderzüge kamen mit Leuten, die Hitler sehen wollten. Kult wurde betrieben. Um ihn. Genauso wie um die Kieselsteine, auf denen er am Obersalzberg gelaufen ist. „Kaschperltheater“ nennt das ein Zeitzeuge in der Dokumentation Obersalzberg.

Der Obersalzberg wurde Führersperrgebiet und neben Berlin das zweite Machtzentrum. Für die Bauern am Obersalzberg hatte diese Entwicklung besonders tiefgreifende Folgen; sie wurden de facto zwangsenteignet: Sie mussten ihren Besitz günstig verkaufen. Oder mussten damit rechnen, nach Dachau ins KZ zu wandern.

1939 dann wurde auch das Kehlsteinhaus als eines der aufwändigsten Projekte am Berg fertiggestellt und an Hitler übergeben. Besucht hat Hitler selbst das Kehlsteinhaus übrigens höchst selten. Es sei ihm zu riskant gewesen. Und, so ist im Dokumentationszentrum unten am Berg, zu erfahren: Hitler litt wohl an Höhenkrankheit und fuhr deshalb nur selten zum Kehlsteinhaus hinauf.

Schönste Natur und schwärzester geschichtlicher Ballast – welch spannungsgeladene Kombination. Jedenfalls will es mir nicht so recht gelingen, den tollen Ausblick zu genießen. Hinzu kommt: Ich bin unangenehm berührt von den Büchern, die es im kleinen Kiosk am Kehlsteinhaus zu kaufen gibt. „Hitlers Berg“, so der Titel. Auch das Wissen, dass das Kehlsteinhaus durch die öffentliche Hand verwaltet wird und dass die Bücher natürlich vom Dokumentationszentrum stammen, helfen in diesem Moment nicht weiter. Im Kehlsteinhaus dann mutet es seltsam an, dass sich immer wieder einzelne Besucher vor dem roten Marmorkamin, den Mussolini gestiftet hat, freudestrahlend fotografieren lassen. Mit diesem unbequemen Gefühl beim Beobachten der ganzen Szenerie steh ich nicht alleine da, meinem Begleiter geht’s da ganz ähnlich.

Ja, sicher muss man das Kehlsteinhaus einfach mal selbst gesehen haben. Doch wahrscheinlich lassen wir beim nächsten Besuch das ganze Historische beiseite und konzentrieren uns wieder auf die Natur rundum. Die ist schließlich – unrühmliche Geschichte hin oder her – grandios! Als wir das Kehlsteinhaus verlassen, lugen wir noch mal zum Hohen Göll hinüber. – Ideen sammeln für nächste Touren …

Gut zu wissen

Ausgangspunkt für Erkundungen am Obersalzberg: Wer Zeit und Muße hat, kann über verschiedene Wanderwege auf den Oberalzberg gelangen. Weitläufig im Tal ausgeschildert ist die Dokumentation Obersalzberg. Dort, am Berggasthof Obersalzberg, befindet sich auch ein großer Parkplatzbereich. Wer mit dem eigenen Auto anreist, muss es spätestens hier stehenlassen.

Weiter zum Kehlsteinhaus: Entweder über die Kehlsteinstraße. Die ist für den Individualverkehr gesperrt, es geht – ausschließlich im Sommerhalbjahr, etwa von Mitte Mai bis Ende Oktober und wenn schneefrei ist – nur mit einer öffentlichen Buslinie weiter. Oder zu Fuß.

Zu Fuß auf den Gipfel: Eine recht unspektakuläre, einfache Wanderung. Kann man machen, wenn man etwas mehr Zeit hat. Oder wenn man das Hinaufkurven mit dem Bus nicht mag. – Es geht ab dem Parkplatz über allmählich durch den Wald aufsteigende Straßen und Wege. Im oberen Drittel kommt man aus dem Wald raus, mit dem Ausblick wird auch die Wanderung lohnenswerter. Seltsamerweise ist der Fußweg mit vier Stunden ausgeschildert (was wohl eher Flip-Flop-Touristen schrecken soll). Richtig ist: Nach zwei Stunden gemütlichem Wandern erreicht man die Buswendeschleife am Kehlsteinhaus.

Die letzten Meter: Wer schon mal hier ist und in die Geschichte eintaucht, der sollte die letzten Meter mit dem – weitestgehend im Original erhaltenen – Aufzug fahren und damit den ganzen architektonischen Wahn am Berg erleben. Den Aufzug erreicht man über einen langen, in den Berg getriebenen Tunnel. Die Kabine ist mit Messing und Spiegeln verkleidet, hat gepolsterte Sitze und ein Bakelit-Wandtelefon. Alternativ kann man über einen Wanderweg auch noch das letzte Stück laufen.

Runter vom Berg: Wer mit dem Bus zurückfahren möchte, sollte bereits bei der Ankunft am Info-Häuschen/Kartenverkauf an der Buswendeschleife am Kehlsteinhaus entscheiden, wann genau es zurück gehen soll. Das Rückfahrtticket lässt man sich dann für eine bestimmte Zeit geben. Besonders wichtig in der Hauptsaison, da es sonst zu langen Wartezeiten kommen kann. Wem das zu kompliziert ist, der läuft einfach wieder den Weg, den er gekommen ist, zurück.

Die Dokumentation Obersalzberg hat mit Ausnahme weniger Feiertage rund ums Jahr, jeden Tag geöffnet. Zwei Stunden sollte man in jedem Fall für den Besuch einplanen, meist wohl länger. Alle Infos auf der Website. Der Besuch der Dokumentation ist – mehr noch als der des Kehlsteinhaus – eigentlich ein Muss, wenn man die Bedeutung vom Obersalzberg im Dritten Reich besser verstehen will. Ebenso wie die damaligen Konsequenzen für die Bauern am Berg.

Ebenfalls zu empfehlen in diesem Zusammenhang: Ein Besuch vom NS-Dokumentationszentrum München. Anfang 2015 eingeweiht, erfahren Besucher dort sehr viel vor allem zu den Anfängen des Nationalsozialismus. Unbedingt den Audioguide nutzen.

Dokumentation Obersalzberg
Dokumentation Obersalzberg

 

  1. Ja, es ist wirklich sehr beeindruckend und die Dokumentation Obersalzberg ist wirklich sehr gut gemacht. Ich hatte mal das Glück, das alles im Rahmen einer Exkursion alles erklärt zu bekommen inkl. des Besuchs bei einer Zeitzeugin.

    • Wunderbar! – Zeitzeugen zu besuchen ist ja noch viel spannender, als „nur“ in der Ausstellung von ihnen zu hören. Tolle Gelegenheit. Gibt es solche Angebote organisiert, für Jedermann? Oder war das was mal mit der Uni o.ä.?

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