Deutschland Vermischtes

An seidenen Fäden

Tölzer Marionettentheater

Ein Abend im Tölzer Marionettentheater

Elf Fäden sind es, an denen das Leben des Brandner Kaspar hängt. Oder anders formuliert: die den Brandner Kaspar zum Leben erwecken.

Und aufgeweckt ist er, der 72-Jährige vom Tegernsee, den eines Abends der Boanlkramer holen will. Doch der Brandner Kaspar fühlt sich „gesund wie ein Fisch im Wasser“ und will aufs Umfallen nicht daran denken, sich jetzt schon vom Tod in jenes Jenseits leiten zu lassen. Zumal es ihm doch auf der Welt so gut gefällt. Mit viel Witz und noch mehr Kirschgeist ringt der Brandner Kaspar dem Boanlkramer dann auch weitere 18 Lebensjahre ab …

„Des is scho a ganz b’sunderer Fall, dass oana an Tod beim Kartenspiel b’scheißt …“

Im Tölzer Marionettentheater erweckt Karl-Heinz Bille den Brandner Kaspar regelmäßig zum Leben, begleitet von Albert Maly-Motta, der ebenfalls professioneller Puppenführer ist. Gemeinsam mit einem fünfköpfigen Laien-Team erschaffen sie auf der an Puppen-Maßstäbe angepassten Theaterbühne eine ganz eigene Wirklichkeit.

Im Marionetten-Kosmos

Vor einem ersten Besuch im Marionettentheater weiß man ja im Zweifel nicht so recht, was einen erwartet. Ob’s einem taugt. Und überhaupt. Doch kaum ist das Licht im Tölzer Theatersaal erloschen, taucht man als Zuschauer im Handumdrehen in den Kosmos der Marionetten ein. Einzig die ersten paar Minuten ist’s – vor allem für Zuagroaste – etwas anstrengend sich in das Stück reinzuhören, denn die historisch wertvolle Tonaufnahme klingt a bissl wie aus der Ferne: Sie stammt vom Bayerischen Rundfunk, mit den Stimmen der Originalbesetzung – unter anderen mit der von Fritz Straßner, der den Brandner Kaspar zwischen 1975 und 1993 am Münchner Residenztheater spielte.

Der Brandner Kasper, seine Enkelin Marei, Florian der Knecht und all die anderen Marionetten bewegen sich auf der Tölzer Bühne so leicht und realistisch, dass man mitunter fast vergisst, dass es eben doch nur Puppen sind. Wie maßvoll und präzise die Puppenführer agieren, um diese Illusion zu erreichen, lässt sich aus dem bequemen Zuschauersessel bereits erahnen.

Hinter der Kulisse

Wirklich verständlich wird der Aufwand und die Liebe zur Präzision dann erst hinter der Kulisse. Oder vielmehr müsste es wohl „über der Kulisse“ heißen, denn die Marionetten hängen an drei Meter langen Fäden. Hinter der Kulisse ist’s jedenfalls eng, zwei steile Leitern führen auf eine Art Zwischenebene, die an ein Baugerüst erinnert, das um ein Loch herum – die Bühne – begangen werden kann. Von dort oben steuern die Puppenführer ihre Marionetten; mit einem schlichten Holzkreuz in der Hand, mit dem und dem notwendigen Feingefühl sie ganz menschliche Bewegungen erzeugen. Dort oben wird auch klar, dass Marionettentheater in höchstem Maße Teamarbeit ist: Während der eine, versunken im Spiel, den Text nicht nur seiner eigenen Figur lautlos vor sich herspricht, richtet die andere einen Spot-Licht neu aus. Mal bewegt genau zur rechten Zeit einen zusätzliche Hand die Flügel von Erzengel Michael; dann wieder werden Marionetten – im Spiel – von Hand zu Hand weitergereicht. Zuschauer dieser ganz eigenen Choreografie hinter der Bühne sind die unzähligen Marionetten aus anderen Stücken, die überall von den Decken hängen.

Tölzer Marionettentheater
Blick über die Kulissen

Geschichte(n) erzählen

Mehr als eintausend Puppen sind es insgesamt, die einiges über die 110-jährige Geschichte des Marionettentheaters erzählen könnten und von denen viele auch heute noch regelmäßig auf der Bühne stehen.

Zum umfangreichen Repertoire des Tölzer Marionettentheaters, einer von heute deutschlandweit noch fünf Bühnen dieser Art, gehören Märchen für Kinder und klassische Stücke für Erwachsene. Angefangen hat an der Isar alles, als der Tölzer Apotheker Georg Pacher 1908 in seiner Freizeit das erste Figurentheater zeigte. Heute ist das traditionelle Marionettentheater um moderne Technik erweitert, die allerlei überraschende Momente ermöglicht. Auch die Marionetten haben sich verändert: So wog früher eine etwa 25 cm kleine Puppe – mit Vollholzkopf und Händen und Füßen aus massivem Blei – bis zu fünf Kilogramm. Heute sind die Puppen größer, aber dank anderer Materialen deutlich leichter.

Wer interessiert ist, darf nach der Vorstellung in den Backstage-Bereich. Um Fragen zu stellen, um Erinnerungsfotos zu schießen. Und vielleicht sogar, um dem Brandner Kaspar die Hand zu geben. – Wann ist man Legenden schon mal so nah?

Transparenzhinweis: Vor und hinter der Bühne des Tölzer Marionettentheaters konnte ich mich auf Einladung der Stadt Bad Tölz umsehen.

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