Gedanken am Wege Vermischtes

Verführ mich!

Frust oder Genuss? – Vom Essen auf DAV-Hütten

Vor einigen Jahren ist Jens Franke mit seinem Husky Aiko einhundert Tage durch Deutschland gewandert. Grob eine große Runde von Thüringen über den Bayerischen Wald, ins Berchtesgadener Land, in den Schwarzwald und wieder hinauf nach Mitteldeutschland. Neulich habe ich sein Buch über diese Wanderung gelesen, „100 Tage Heimat“. An einen organisatorischen Grundsatz seiner Wanderung habe ich mich gerade wieder erinnert: Er erzählt, dass er bei dieser Reise bei der Wahl seiner Unterkünfte eher zu der preisgünstigen Kategorie gegriffen hat. Also einfach untergebracht war, dann das an dieser Stelle gesparte Geld später lieber für besseres Essen ausgab.

Das ähnelt sehr vielen meiner Wanderungen, an denen ich abends ankomme und morgens bald wieder starte: Wenn es darum geht, einfach für eine Nacht „nur ein Dach“ über dem Kopf zu haben, brauche ich keinen Schnickschnack. Es kann ruhig auch schnörkellos sein. Komfort genieße ich zu Hause wieder. Oder im nächsten Urlaub, bei dem ich vielleicht tatsächlich mal länger in der Pension oder im Hotel und demzufolge auch einem behaglichen Ambiente mit entsprechendem Preis aufgeschlossen bin. Alles eine Frage der Prioritäten zum jeweiligen Zeitpunkt.

Aber auch das Essen unterwegs ist eine Frage der Prioritäten. Besonders auf DAV-Hütten.

Ich sag’s vornweg: Es gibt wunderbare DAV-Hütten – einfache und komfortable, kleine und große. Solche, an denen der Zahn der Zeit nagt. Und solche, die ganz frisch herausgeputzt sind. Und mit ihnen gibt’s wunderbare Hüttenwirte, die gemeinsam mit ihren Teams vieles tun, damit sich die Wanderer wohl bei ihnen fühlen. Nach meiner Erfahrung das Gros!

Sommer 2013: Mit Gerichten wie diesem katapultiert sich das Heinrich-Schwaiger-Haus ist meine Favoritenliste.
Sommer 2013: Mit Gerichten wie diesem katapultierte sich das Heinrich-Schwaiger-Haus ist meine Hütten-Favoritenliste.

Aber: Es gibt eben auch Wirte, die gerne ihre Rolle als – mit Verlaub: autoritärer oder grantelnder – „Hausherr“ ausfüllen. Vor allem, wenn’s ums Essen geht. Auf Alpenvereinshütten finde ich wirklich kaum etwas unangenehmer als die Diskussion um die Halbpension: Der eine Wirt will dir ums Verrecken nicht zugestehen, dass du abseits einer Halbpension eben nur ein Hauptgericht essen möchtest. Für den nächsten steht fest: Alle oder keiner. – Zwei von drei in der Gruppe mit Halbpension, der andere nur eine Kleinigkeit? Vergiss es! Ganz zu schweigen von der Frage, ob sich ein Alpenvereinsmitglied auf der Hütte auch selbst verpflegen darf. (Um’s zu klären: Ja, wer nen Ausweis hat und mag, darf’s. Im Gegenzug ist ein Infrastrukturbeitrag zu zahlen, der beim Wirt verbleibt.)

Manchmal denk ich mir: Wer solch eine Schwarz-Weiß-Diskussion mit seinen Gästen führt, wer auf die Tränendrüse drückt à la „Es gibt immer wieder welche, die …“ oder sich auf das Finanzielle à la „Ich muss ja auch was verdienen …“ beruft, hat schon längst verloren.

Sommer 2011: Willkommen mit Schnaps vom Wirt auf der Hochstubaihütte
Hochstubaihütte: Willkommensschnaps vom Wirt (2011)

Der Punkt ist doch: Meine Prioritäten als Wanderer sind an manchem Tag mitunter anders gelagert, als zwingend eine Halbpension zu essen. Vielleicht bin ich Vegetarier und habe eh gewisse Probleme, das Passende auf der Karte zu finden. Vielleicht auch macht mich das Menü, das ich auf den Tellern der Anderen sehe oder vom Wirt vorgestellt  bekomme, schlichtweg nicht an. Oder vielleicht weiss ich nicht schon am Spätnachmittag, ob ich am Abend wohl genügend Hunger für drei oder vier Gänge haben werde.

Essen ist im Idealfall ein Moment des Genusses. Auch auf einer Hütte. Genieße ich (und das fängt schon mit der Atmosphäre bei der Ankunft auf der Hütte an), dann bestelle ich eventuell eine Suppe vornweg, ein Dessert hinterher. Vielleicht – allein oder in der Gruppe – zu späterer Stunde sogar nochmal einen Kaiserschmarrn. Dafür aber muss die Situation stimmig sein. Ich möchte zu nichts gezwungen werden. Sondern mich durch eine ehrliche Empfehlung, durch die Düfte aus der Küche und durch die angerichteten Teller auf dem Nachbartisch zum Essen – ja: verführen lassen. Ich garantier dir: Da bekommt bei mir das Essen ganz schnell die höchste Priorität …

Also, lieber Wirt: Zwing deine Gäste nicht zur Halbpension, nur weil hin und wieder ein ganz Schlauer dabei ist, der die Ordnung auf deiner Hütte ausnutzt. Wirf deine nicht immer nachvollziehbaren Prinzipien über den Haufen. Sei flexibel – wie viele deiner Kollegen auf anderen Bergen auch. Deine Gerichte müssen nicht aufwendig sein, aber sie müssen schmecken. So dass ich Lust bekomme, mich durch die ganze Karte zu essen. Gleich, jetzt, sofort. Lass mich deine Gastfreundschaft genießen und unten im Tal davon erzählen, wie toll es bei dir war. Kurz gesagt: Verführ mich!

 

 

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Um Halbpension oder das Bergsteigeressen „feilschen“ finde ich auch ganz schrecklich. Ich versuche immer, denen klar zu machen, dass ich keine drei Gänge verdrücken kann und dafür lieber ein Bier mehr trinke 😉

    Liebe Grüße

    Rebecca

  2. Pingback: Meine Lieblingsfundstücke im Mai 2015 - soschy on tour

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