Bergsofa

Buchtipp: Der Grenzgänger

>Nadine Nadine
Mai 02, 2015

Menschliche Abgründe am italienisch-österreichischen Grenzkamm

Um ehrlich zu sein: Ich wollte dieses Buch zuerst gar nicht lesen. Mehrfach hatte ich gehört, dass es einer der besten Krimis im Verlagsprogramm  sein sollte, vielleicht DER beste bisher. Doch immer wieder lehnte ich ab. Später, als eine Freundin mir das Buch lieh, dämmerte es mir bereits: Ich hatte den Protagonisten schlichtweg verwechselt. Dachte, es sei dieser in meinen Augen ziemlich kaputte Ermittler, der irgendwo – war’s im Wilden Kaiser? – herum kletterte. Es gibt ja diese Charaktere, für die du nur ein Kopfschütteln übrig hast. Die du am liebsten links und rechts kurz watschen willst. Die dich beim Lesen innerlich auf hundertachtzig bringen, die du anschreien möchtest: Junge, wach auf!

Eddy Zett, so wird nach wenigen Seiten klar, ist das komplette Gegenteil eines solch kaputten Protagonisten. Offensichtlich eine ziemliche Erscheinung, ernsthaft glücklich in seiner Ehe und mit seiner Familie, obendrein auch noch erfüllt in seinem Job. Doch wie die meisten trägt auch er sein Bündel. Bei ihm ist es eine alte Geschichte. Zwanzig Jahre ist die her. Seither ist er über all bekannt, weit über das Tal hinaus. Fast berühmt ist er, irgendwie. Man mag ihn im Tal. Denn er redet mit den anderen auf Augenhöhe. Gedanklich aber ist er immer schon X Schritte voraus.

(Nicht nur) Für ein langes, verregnetes Wochenende perfekt ...

(Nicht nur) Für ein langes, verregnetes Wochenende perfekt …

Seit der Geschichte damals wurde er nicht befördert. War vielmehr das Bauernopfer der Politik. Jedenfalls kommt alles wieder hoch, als ein Hap, ein Schaf, verstümmelt aufgefunden wird. Weitere unschöne Tierverstümmelungen folgen. Und dann auch noch die Sennerin …

(c) Bergverlag Rother

(c) Bergverlag Rother

Das Schöne und Interessante am Buch: Geschickt gelingt es dem Autor Lutz Kreutzer Regionales, Mundartliches und Historisches in dem Krimi zu verweben. Unweigerlich schaut man in der Karte nach, wo ganz genau das Rifugio Pradidali, das Lesach- und das Gailtal denn nun eigentlich liegen. Man liest nach, was noch viel früher, in den späten Sechzigern, auf dem Grenzkamm zwischen Österreich und Italien, unterhalb der Porzescharte überhaupt passiert ist. Oder sieht vor seinem geistigen Auge Bilder der grandiosen Dolomitenlandschaft, in der sich Österreicher und Italiener vor einhundert Jahren diesen unglaublich schrecklichen, zermürbenden und tödlichen Stellungskrieg lieferten. Doch auch heute, mitten unter uns noch gibt es unfassbare menschliche Abgründe ….

Der Rest wird nicht verraten. Einfach lesen, lautet meine Empfehlung.

Tipp: Ziemlich Klasse finde ich die interaktive Karte zum Krimi von Rother. Eingezeichnet die wichtigsten Schauplätze des Grenzgänger-Falls, inklusive weiterer Verlinkungen. Da wird jeder Wissensdurst gestillt!

„Der Grenzgänger“ von Lutz Kreutzer ist im Bergverlag Rother erschie­nen. Umfang 304 Seiten, kartoniert. In jedem Buchladen oder beim Verlag für 12,90 Euro (D) zu bestel­len. ISBN: 978-3-7633-7071-9.

 

 

 

 

 

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