Schweiz

In einer anderen Welt

Edward Hoppers Landschaftsbilder in der Fondation Beyeler 

we are all edward hopper paintings now“, hatte es auf Twitter Anfang März dieses Jahres geheißen. Eine Aussage, die man am ersten Impuls retweeten oder zumindest liken wollte. Nur, um dann festzustellen: bei genauerer Betrachtung wirkt diese Aussage nicht stimmig. Denn zum einen schien das kollektive physische Zurückgeworfensein in die jeweils eigenen vier Wände kaum vergleichbar mit der Einsamkeit und Melancholie, die oft aus den Figuren in Edward Hoppers Gemälden sprechen. Zum anderen erschien solch ein Blick wenig mit der aktuellen Lebensrealität der Ärztinnen und Krankenpfleger, Restaurantbetreiberinnen und Verkäufer, der Künstlerinnen und Selbständigen, Mütter und Väter und vieler anderer landauf, landab zu tun zu haben. Nichts mit der Realität derer, die Freunde oder Familienangehörige krank vom Virus wussten. Oder schlimmer. 

Insel des Glücks  

Ende Juni: Bei Cappuccino und Apfeltarte sitze ich vor der Villa Berower im schweizerischen Riehen, blicke über den Rasen zum von Renzo Piano entworfenen Museumsbau der Fondation Beyeler und in die offene Landschaft, die unweit von hier, am Flüsschen „Wiese“ deutsch-schweizerisches Grenzland ist. Das 1997 eröffnete Museum hatte der italienische Stararchitekt mit viel Bedacht und einem nach Westen unverbauten Blick in die Landschaft gesetzt, so dass Kunst, Architektur und Natur miteinander wirken können.     

Mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie unserer kleinen, schmackhaften Stärkung kommt auch den handschmeichelnden Keramiktellern zu, auf denen sie platziert ist; von einem Nachbartisch trägt der Wind Bruchstücke einer Unterhaltung herüber, bei der die Worte mit Bedacht gewählt werden; die Eindrücke der Edward-Hopper-Ausstellung, die wir gerade besucht haben, hallen nach. Kurzum: dieser Ort, diese gelöste Atmosphäre lässt einen langen Moment das etwas in den Hintergrund treten, was unser aller neue Normalität ist.   

Neue Museumsnormalität 

Eine neue Normalität, die für eine begehrte Ausstellung wie die von Edward Hoppers Landschaftsbildern genaue Eintrittszeiten erfordert, um den Gästefluss zu überblicken. Eine Normalität, in der gleich neben dem Einlass ein Spender mit Desinfektionsflüssigkeit steht. Eine Normalität, in der jede Besucherin einen Mund- und Nasenschutz aufsetzt, weil das so jetzt das Hygienekonzept des Museums empfiehlt und vorsieht – spätestens in dem kleinen Raum, in dem „Two or three things I know about Edward Hopper“ gezeigt wird, eine etwa viertelstündige Wim-Wenders-Hommage an den bekannten unbekannten amerikanischen Maler, in der einige seiner Gemälde zum Leben erweckt sind. 

Fast schon wieder selbst ein Kunstwerk: Kinobestuhlung in Zeiten von Corona (Filmraum in der Fondation Beyeler mit der Edward-Hopper-Hommage von Wim Wenders)

Digitale Appetithappen 

Ursprünglich hätte ich schon lange vorher hier sein wollen. Doch dann machte das Virus die Runde – und Grenzen und Türen dicht. Auch die der Fondation Beyeler. Zwar brachte das Beyeler-Team, wie viele andere Museen und Kultureinrichtungen, in den nächsten Wochen und Monaten allerlei digitale Formate und Inhalte auf die Spur – doch ich war nach monatelanger, letztlich zerplatzter Vorfreude auf die Ausstellung schlichtweg unfähig, mir dieses digitale Angebot anzuschauen.  

Um so größer die Begeisterung, als klar war, dass die Ausstellung verlängert werden würde. Als auch ein Termin feststand, zu dem man die Grenze von Deutschland in die Schweiz und zurück ganz gewiss wieder überqueren konnte, kam endlich neue Energie auf und das Interesse an dem, was digital angeboten war, wuchs: ein entzückend gemachter Rundgang für Kinder zum Beispiel. Oder eine erfrischende „Hip Hopper“-Rap-Führung.

Landschaftsbilder 

Das Bild „Cape Cod Morning“, mit dem die Ausstellung beworben wird, zeigt eine – etwas angespannt wirkende – Frau, die aus einem Erkerfenster eines weißen, typischen amerikanischen Hauses nach draußen, in die Landschaft guckt. Vielleicht schaut sie in den Wald. Oder über ein offenes Feld. Was auch immer sie sieht, vielleicht nimmt sie es gar nicht recht wahr, weil ihre Gedanken um etwas ganz anderes kreisen. So genau lässt sich das nicht sagen. Es ist eines dieser Motive, das man, selbst wenn man nur andere Hopper-Gemälde kennt, sofort ihm zuordnet.

Edward Hopper in der Fondation Beyeler: Heftlein mit Saaltexten

Den Großteil der Ausstellung machen jedoch Landschaftsbilder aus, die ganz ohne Menschen auskommen. Landschaften, die dabei selten reine „Natur“ sind, sondern die meist in irgendeiner Form menschgemachte Spuren zeigen. Sei es eine asphaltierte Straße oder ein holzverkleideter Hausgiebel, seien es rostig-braune Eisenbahnenschienen oder grau-verwitterte Telegraphenmasten.  

Für die Fotografie gibt es die Grundannahme, wonach Ablichtungen, die reine Natur darstellen, schnell langweilig werden können. Zeichen der Anwesenheit des Menschen gelten demnach als der Spannung zuträglich. So scheint es auch mit Hoppers Landschaften. Es sind Landschaften, die vielfältigste Geschichten erzählen und die uns Vermutungen anstellen lassen über das was war und das, was kommt. Landschaften (und manchmal eben auch ihre Bewohner), die uns mitunter bekannt vorkommen und die uns für ein, zwei Stunden eintauchen lassen in eine andere Welt. Einige von ihnen lassen uns lange nicht los.  

Tipps

Die Edward-Hopper-Ausstellung ist abermals verlängert worden, nun bis zum 20. September 2020.  

Ausstellungsbesuch: Die Eintrittskarten zur Edward-Hopper-Ausstellung sind begehrt und langfristiges Buchen ratsam. Der Einlass ist in einem 30-minütigen Zeitfenster möglich. Einmal drin, kann man sich alle Zeit der Welt nehmen – und im Anschluss auch noch in die ebenfalls wunderbare Ausstellung „Stilles Sehen – Bilder der Ruhe“ schauen. 

Dreiländereck: Einmal in der Gegend bietet sich mindestens der Besuch des Vitra Campus samt Museum an. Auch auf einem Spaziergang erreichbar. Von der Fondation Beyeler sind es über den Rehberger-Weg fünf Kilometer nach Weil am Rhein – inklusive 24 Stops mit Künstlerinstallationen. Alternativ genügend Zeit für Basel mitbringen. 

Übergänge: Ausblick aus dem Museum der Fondation Beyeler über den Seerosenteich und Garten

Das Netzwerk Kultur Hoch N hatte gemeinsam mit Damian Kaufmann von Zeilenabstand.net zur Blogparade #KulturAlltagCorona: Neuer Alltag mit Corona in Kultur und Museum Kulturschaffende und Kulturinteressierte gefragt, wie der – vorübergehend? – neue Alltag das Museumserlebnis verändert. Zwar ist die Frist zum Mitmachen bereits seit einigen Tagen abgelaufen, mit diesem Beitrag möchte ich dennoch auf die dort gesammelten Gedanken verlinken.   

  1. Pingback: Blogparade #KulturAlltagCorona: Neuer Alltag mit Corona in Kultur und Museum | Zeilenabstand.net - Kultur & Digitales

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