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Im Schafsgalopp über den Alpenhauptkamm

Der Schafauftrieb im Schnalstal

Können wir irgendwie helfen?“, rufe ich über die blökenden Schafe hinweg, als die Tiere an einer Kurve ins Stocken geraten. Die Antwort an mich und meinen Begleiter lässt nicht lange auf sich warten. „Ja klar, treibt einfach mit von hinten“, kommt es sofort im Südtiroler Dialekt zurück.

Bisher war ich Zaungast. Beobachter einer faszinierenden – und vor allem: ohrenbetäubenden – Tradition: Dem Schafübertrieb über den Alpenhauptkamm, vom Schnalstal ins Ötztal. Jahr für Jahr ziehen die Hirten mit ihren Tieren dafür über die hohen Bergpässe, um die Schafe etwa 100 Sommertage auf heute Tiroler Seite grasen zu lassen. Diese Weiderechte der Schnalstaler Bauern im Ötztal wurden schon vor mehr als 600 Jahren das erste Mal urkundlich erwähnt.

Ganz oder gar nicht

Plötzlich also: Mittendrin. Von jetzt auf gleich finde ich mich inmitten einer weiß-braun-schwarzen Schafs-Schar wieder, die über das 3.019 Meter hohe Niederjoch hinüber zu den saftigen Weiden hinter Vent gebracht werden soll.

„Hopp, hopp“, animiere ich nun immer wieder die Schafe. Zunächst zaghaft, doch bald in vollem Ton. Diese neue, fremde Stimme scheint das Dutzend Südtiroler Schafe, das vor mir steht, nicht zu irritieren. Die Tiere folgen tatsächlich meinem Zureden und setzen sich wieder in Bewegung.

Nach einem ersten, gemütlichen Weg-Teil steigen wir nun mit den Schafen in recht steiles Gelände ein. Es liegt noch viel Schnee. In den letzten Tagen haben Helfer schon einen Pfad für die Schafe freigeschaufelt, doch die Spur ist in Teilen wieder verschüttet worden. Also mussten heute Morgen nochmals mit Schippen bewappnete Männer ran – weiter oben schmeißen sie das schwere Weiß gerade in regelmäßigen Salven über die Felsen zur Seite.

Einer muss der Erste sein

Dahinter kommen nun wir mit unseren 130 Schafen. Wir sind die erste von drei Gruppen. Die Vorhut, die Schafs-Pioniere, wenn man so will. In der Gruppe sind viele Tiere, die den Weg bereits kennen. Trotzdem brauchen die einheimischen, erfahrenen Treiber hier oben im Schnee immer wieder auch einiges an Überzeugungskunst, die Tiere voran zu bringen. Hinter uns kommt die Hauptgruppe. Den Schluss bildet eine kleine Gruppe von Tieren – Mutterschafe und die allerkleinsten Lämmer. Insgesamt werden an diesem Tag rund 1.000 Schafe über den Alpenhauptkamm geführt.

Eines hinter dem anderen, fräsen die Schafe die angelegte Spur zu einem hüfttiefen Gang und staksen auf ihren dünnen Beinen Meter für Meter trittsicher zum Joch empor. Trittsicherheit und Bergtauglichkeit ist hier tatsächlich gefragt, denn die eine oder andere Stelle ist durchaus ausgesetzt. Doch die Tiere meistern alle Situationen. Wer doch mal vom Weg abkommt, dem kommen die Treiber zur Seite: Da wird hier mit vereinten Kräften einem Bock aus dem recht abschüssigen Tiefschneefeld geholfen; dort einem Jungtier der richtige Weg gewiesen.

Dann wieder ist ein wenige Wochen altes Lämmlein vom Rest der Gruppe abgeschlagen. Als der Weg für das Kleine gar zu anstrengend wird, bekommt’s eine Sonderbehandlung und wird über ein paar schwierige Stellen gehoben und kurzerhand ein paar knifflige Berg-Meter getragen.

Oben am Niederjoch können sich dann erst mal alle erholen. Die Treiber und Helfer auf der Terrasse der Similaunhütte; die Schafe davor. Wie zur Belohnung für den anstrengenden Aufstieg kommt nur auch noch die Sonne hervor. Die Wolken ziehen ab und wir können den Similaun in seiner ganzen Pracht bewundern.

Blick frei auf den Similaun
Blick frei auf den Similaun

Während sich die kleine Herde nach einiger Zeit wieder auf den Weg macht, um über die auf der Nordseite sanft abfallenden Hänge hinunter zur Martin-Busch-Hütte und zu den Sommerweiden im Tal zu gelangen, warte ich auf die zweite, große Gruppe.

Von Jetzt auf Gleich schlägt das Wetter um. Wo es gerade noch ordentlich warm in der Sonne war, ziehen die Wolken zu einem dichten Vorhang zusammen und es beginnt leicht zu schneien.

Wollfaden auf Weiß

Die Landschaft sieht jetzt aus wie gemalt. Das Weiß auf den Bergen geht konturlos ins Hellgrau der Wolken über. Nur hier und da sticht schroffer Fels aus dieser faszinierenden Gleichtönigkeit heraus. Und davor: Hunderte von Schafen. Zunächst noch ein großes, ruhendes Wollknäuel. Dann, wieder in Bewegung gesetzt, ein langer Wollfaden, der sich laut bimmelnd durch die alpine Kulisse zieht.

In diesem Jahr hat es nochmal spät und viel geschneit; bis weit hinunter reicht der Schnee auch Anfang Juni noch. Als etwas oberhalb der Martin-Busch-Hütte das Weiß des Bergs dann endgültig vom Grün des Tals abgelöst ist, gibt es für die Schafe kein Halten mehr. Im Schafsgalopp drängen sie an uns vorbei, stürmen in alle Richtungen und machen sich genussvoll über die Tiroler Kräuterwiesen her. – Auf einen guten Sommer!

(Zum Weiterlesen: Im Blog von Kaipara findest du noch mehr meiner Eindrücke & Fotos von diesem außergewöhnlichen Tag am Alpenhauptkamm.)

Hintergrundinfos:

Die ganz besondere Art der (Wander-)Weidewirtschaft, wie sie die Schnalstaler Bauern pflegen, ist auch unter dem Begriff „Transhumanz“ bekannt, die Bauern wechseln also während des Jahrs mit ihren Tieren die Weideplätze – im Sommer geht es auf die weiter oben gelegenen Sommerweiden. Das Besondere im Schnals- und Ötztal ist, dass dabei nicht nur der Alpenhauptkamm, sondern damit auch eine heutige Landesgrenze überschritten wird.

Der Schafübertrieb zwischen Schnals- und Ötztal hat eine lange Tradition, er lässt sich gut 600 Jahre mit Urkunden belegt zurückverfolgen. Die Anfänge dieser speziellen Hirtenkultur und Wanderbewegungen datieren Wissenschaftler sogar auf vor 6.000 Jahren.

Traditionell werden die Schafe Anfang Juni auf zwei Routen ins Ötztal geführt: Über das Niederjoch und das etwas niedrigere Hochjoch. Die Schnalstaler haben dabei nicht nur ihre eigenen Schafe dabei, sondern auch viele Tiere aus dem Vinschgau. Die Schafe sind daher insgesamt bis zu drei Tage unterwegs, bevor sie die Ötztaler Sommerweiden erreichen.

An zwei Wochenenden Anfang September werden die Tiere zurück nach Südtirol getrieben. Zu diesem Schafabtrieb gibt es auch jeweils ein Hirtenfest mit Musik und Schnalstaler Spezialitäten; gemeinsam mit Gästen wird die Heimkehr der Schafe dann ausgiebig gefeiert. Einen kleinen Einblick in diesen Schafabtrieb gebe ich in diesem Blogbeitrag.

Österreich hat die Transhumanz im Jahr 2011 in seine UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Der Tourismusverein Schnalstal hat diese Reise mit einer Übernachtung in Vernagt unterstützt. 

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