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Schneelust im Hainich

Nationalpark Hainich: An der Hainich-Baude.

Auf dem Welterbepfad 

Der amüsierte Ausdruck in den Augen meines Begleiters bedeutet mir: „Jetzt hab dich nicht so, das sind hier schließlich nicht die Alpen.“ – Wir stehen etwas unschlüssig im Nationalpark-Infozentrum Thiemsburg, am südöstlichen Rand vom Hainich und besprechen mit einem Ranger einige mögliche Wanderungen. Überschaubare, nicht allzu lange Wanderungen, die trotz des mistigen Wetters zu machen wären. Es ist Anfang Mai, es ist feucht, mit Temperaturen irgendwo im einstelligen Bereich.  

Den Welterbepfad könne man wohl machen, bestätigt mir der Hainich-Ranger vorsichtig. Aber da gehe es auf mehr als 400 Meter hinauf und es hätte sicher geschneit und wäre hier und da rutschig. Feste, griffige Schuhe seien ein Muss. So verstohlen wie skeptisch schaue ich auf das längst abgelaufene Profil meiner Bergschuhe; mit einem leisen, schulterzuckenden „Ach, wird schon gehen“, quittiere ich meine Zweifel und den Blick meines Begleiters. Die Schneelust ist entfacht.

Zwar ließe sich von hier auch direkt loslaufen, doch dazu ist uns das Naßkalt dann doch zu ungemütlich, der Weg zu lang. Kurzerhand fahren wir die knapp fünf Kilometer, vorbei an Craula und zum Ausgangspunkt des Welterbepfads am Wanderparkplatz „Craulaer Kreuz“. 

Der Welterbepfad hat seinen Namen nicht von ungefähr: seit 2011 gehören zentrale Bereiche des Hainich gemeinsam mit vier weiteren Buchenwäldern in Nord- und Mitteldeutschland zum Unesco-Weltnaturerbe. Und schon seit 1997 bildet etwa die Hälfte des Hainich den gleichnamigen Nationalpark.

Dass just in der Mitte von Deutschland der größte hiesige zusammenhängende Laubmischwald anzutreffen ist, erscheint ein wenig kurios, ist aber der Geschichte geschuldet: Bereits seit den 1930er Jahren gab es rund um den Wald Truppenübungsplätze. Auch in der DDR waren weite Bereiche militärische Sperrzonen, der Hainich konnte praktisch nicht betreten werden. Große Teile konnten sich so über Jahrzehnte vom Menschen unbeeinflusst entwickeln, andere Flächen wieder waren auch in den Nachwendejahren forstwirtschaftlich unattraktiv, denn in vielen Stämmen haben sich Kugeln und Granatsplitter des Militärs verewigt. 

Im Ergebnis verschluckt uns an diesem frühen Maitag ein Wald, der oft als „urwaldartig“ beschrieben wird. Ein Wald, in dem besonders viel Totholz herumliegt, der unaufgeräumt wirkt, und ja: fast schon mystisch. 

Zumal es hier oben nun tatsächlich Schnee hat. Schwer hat sich das Weiß auf das strahlende Grün der frisch ausgetriebenen Buchenblätter gelegt. Träge biegt sich der Jungwuchs unter der Last über den Pfad. Fast so, als hätte jetzt doch eine unsichtbare Hand ordnend eingegriffen – ein Bäumchen von links, eins von rechts, eins links, eins … Wir müssen uns immer wieder weit ducken, um unserem Weg zu folgen.     

Es ist kalt. Unangenehm kalt. Behelfsmäßig ziehe ich mir die Jackenärmel über meine geröteten, steifen Hände, verschränke meine Arme schützend über der Kamera. Innerlich debattiere ich eine Weile mit mir selbst, sehe aber bald ein, dass wir schließlich genau wegen dieser Kälte hier sind, denn nur für einen kurzen Augenblick würde sich der Hainich in diesem seltsam faszinierenden grün-weißen Maikleid zeigen. 

Wir lassen uns Zeit für den knapp zehn Kilometer langen Weg. Am Ende weiß ich zwei Dinge. Zum einen: zukünftig kommen Handschuhe und Mütze immer mit. Ausnahmslos. Auch im Mittelgebirge oder auf sonstigen Bergrücken. Und: schon lange hat eine heiße Schokolade nicht mehr so gut geschmeckt wie bei unserer abschließenden Einkehr in der Hainich-Baude.  

Warmes Feuer in der Hainich-Baude.
Heimelige Hainich-Baude.

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