Bergauf Hier & da hin

Der Wilde Kaiser und die drei Hexen

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Auf der Regalmwand

Immer wieder gibt es Touren, die aus einem besonderen Grund lange und dringend auf der ganz persönlichen Berg-Agenda stehen. Doch mal passt’s zeitlich nicht, mal spielt das Wetter nicht mit.

In diesem Sommer war es bei mir die Regalmwand im Wilden Kaiser. Im Winter hatte ich sie entdeckt, wollte sie zu gerne mal gehen. Irgendwann dann: Ein vielleicht nicht perfekter, aber dennoch geeigneter Augenblick. Und mit etwas Glück (oder Hexerei?) fügt sich alles so, dass wir am Ende des Tages trocken im Auto sitzen.

Die Regalmwand (in der Literatur häufig auch „Regalpwand“ genannt – was andere prompt zu Korrekturen und Belehrungen über den bajuwarischen Sprachraum verleitet) ist im Südosten des Wilden Kaiser gelegen. Anfahrt von Ellmau, geparkt an der  Wochenbrunneralm. Ein paar Kurven vor der Alm ist eine Mautstelle eingerichtet.

Der Weg zur Regalmwand ist in Karten nur vereinzelt zu finden, umso besser und neuer ist dann die Markierung vor Ort. Der Charakter der Tour?: Sie ist als leichteste der Vorschläge im Führer „Münchner Bergtouren“ über Felstouren im II. Grad zu finden. Der Autor schränkt aber gleich ein, dass sie eigentlich dafür zu leicht ist. In jedem Fall ist sie – zumindest im oberen Teil – eine schwere Bergtour. Perfekt geeignet, um sich mal heranzutasten an den rätselhaften II. Grad.

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Hinter der Wochenbrunneralm

Gut geeignet auch bei unklaren Wetterbedingungen, da die Tour im unteren Teil über lange Strecken auf Wanderwegen entlangführt. Auf- und Abstieg sind identisch. Ich gehe lieber Rundtouren, aber für heute ist’s ideal, dass der Hin- und Rückweg auf gleichem Weg liegen: Sollten wir irgendwo „steckenbleiben“, könnten wir problemlos den Rückzug antreten. Auch die ab Mittag ungünstigen Wetterprognosen würden uns so nicht gar zu sehr im Nacken sitzen.

Jedem Gebirge sein Wetter

Morgens. Strahlend blauer Himmel – Kaiserwetter! Beim Aufstieg Richtung Gaudeamushütte daher erst einmal die üblichen Ooohs und Aaahs. Kaum zu glauben: Nach weit mehr als zehn Jahren in München bin ich das erste Mal im Wilden Kaiser. Und habe mich sofort verliebt in ihn. (Das wiederum wird sofort jeder glauben, der ihn kennt.)

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Augustmorgen im Wilden Kaiser

Die ersten Meter führen durch Almgelände, sofort mit wunderbaren Blicken auf die Bergkette im Norden. Es ist erst halb neun, aber von oben kommen uns schon andere Bergsteiger und Kletterer entgegen. Anzunehmen, dass sie ein oder mehrere Nächte auf einer der Hütten waren.

Hinter der Gaudeamushütte verschwindet der Weg noch mal im Wald, bevor er sich dann langsam in die Latschen hinein verabschiedet. Perfekter Brotzeit-Platz: Die Wilderer Kanzel, von der wir einen genialen Blick Richtung Westen haben, auf die Gruttenhütte und die Ellmauer Halt.

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Wilder Kaiser: Blick von der Wilderer Kanzel

Hinter der Wilderer Kanzel wird’s dann allmählich rauer. Der Weg schlängelt sich zunehmens steiler die Bergwiesen hinauf. Irgendwann ein Abzweig (geradeaus wären wir gleich am Kleinen Törl und damit am Übergang zur Fritz-Pflaum-Hütte).

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Kaiserwetter im Wilden Kaiser

Es wird endgültig schrofig. Dazwischen eine kleine Platte, schräg drunter eine kleine Rinne, dahinter ein kurzer Felsabsatz. Kurze Beine bedeuten hier – das erste Mal auf der Tour – ein bisschen rumzuprobieren, wie’s am besten über die kleine Stufe geht. Jeder über 1,70m wird indes gar nicht wissen, wovon ich rede.

Regalmwand.7Danach im Zickzack durch die Schrofen weiter. Die Blicke an vielen Stellen immer wilder, immer beeindruckender. Nicht vergessen: Wir müssen hier auch wieder runter. Es ist ja so: Natürlich geht jeder von uns eigenverantwortlich in die Berge und entscheidet, was er machen will/kann und was nicht. Doch wer eine Tour aussucht und andere – egal, ob Partner oder Freunde – dazu mitnimmt, wird immer ein bisschen mehr Verantwortung tragen. Denn schließlich hat man ja „angestiftet“ zu dieser Tour und will auch alle wieder heil runterbekommen vom Berg.

An der letzten Rinne vor dem Gipfel ist Schluss für die Hälfte unseres Quartetts. Der eine mit diesem Bauchgefühl, dass es hier reicht. Die andere nach einigem Hin-&-Her-Probieren ebenfalls mit dem Gefühl: Schade, aber es passt. Was tun? Zusammen umdrehen oder zu zweit doch noch weiter gehen? Wir entscheiden uns gemeinsam für die zweite Variante. Für alle ist’s okay. Am Himmel wabern zwar immer dickere Wolken, aber wie ein sofortiger Regen sieht’s nicht aus.

Hoch auf’s Wandl

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Wilder Kaiser: Blick von der Regalmwand nach Westen

Ein Stückchen weiter dann die Schlüsselstelle: Eine kaum mehr als drei, maximal vier Meter hohe Wand, über die wir in recht einfacher Kletterei müssen. Links von uns geht es beeindruckend tief ins Griesener Kar hinunter. So eine – wenn auch nur kurze – Wand hinauf ist ja das eine. Würde ich aber auch wieder hinunter kommen? Lieber gleich ausprobieren. Wäre ja zu blöd, oben auf der Wand festzusitzen!

Danach geht es tatsächlich nur noch wenige Meter und wieder leichter hinauf. Gipfelbuch und Gipfelschildchen (2.208m) erreicht, fixes Abklatschen und große Freude, gemeinsam hier oben zu stehen. Es ist Punkt zwölf. Von weit unten aus dem Tal trägt der Wind das Aufheulen einer Sirene zu uns hinauf – samstäglicher Probe-Alarm.

Die Wolken sehen allmählich bedrohlicher aus, die raue Landschaft tut das ihrige dazu. Jetzt nur noch zügig, aber vorsichtig: Rückzug, den Rest unseres Quartetts einsammeln und runter ins Tal!

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Es braut sich was zusammen im Wilden Kaiser …

Später, fast schon an der Gaudeamushütte, ächzen die Bäume schwer im Wind, der deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Von allen Seiten strömen die Wanderer, Bergsteiger und Kletterer Richtung Unterstand. Kurze Quartett-Besprechung – der Mann wird von den drei Frauen überstimmt: Nicht weiter hinunter zum Auto, sondern ab in die Hütte! Keine zehn Minuten später peitscht der Wind den Regen nahezu horizontal am Fenster vorbei.

Bei Bier, Käsepressknödel & Kaiserschmarrn lässt sich so eine Zwangspause wunderbar „überstehen“. Gerade als auch das letzte (alkoholfreie) Bier ausgetrunken ist, klart es etwas auf. Schnell zum Parkplatz, entscheiden wir. Kaum sitzen wir im Auto, setzt nochmals stark der Regen ein. Alles richtig gemacht! Wir sind glücklich, dass sich alles so gefügt hat. Nur der Mann grübelt über „seine drei Hexen“ …

Tipp: Ein früher Aufbruch ist ratsam: Der Aufstieg ist südseitig und im Zweifelsfall ordentlich heiß. Ausreichend Wasser mitnehmen, „echte“ Sommertage lieber meiden.

Fazit

Eine lohnende Tour, wenn man sich mal an einer kurzen IIer-Stelle ausprobieren möchte, ohne gleich zu hoch zu pokern. Da es im unteren Teil durch einfacheres Gelände geht, ist die Regalmwand auch bei unsicheren Verhältnissen eine gute Option.

 

  1. Hallo Nadine,

    das klingt nach einer sehr spannenden Tour; werde ich mir mal auf meine Liste packen. Und ja, ich weiß genau, was es heißt, „herumprobieren“ zu müssen, weil die Gegebenheiten einfach nicht an kleine Menschen angepasst sind. 😉

    Liebe Grüße

    Rebecca

    • Hallo Rebecca,

      die Tour kann ich Dir sehr empfehlen, sie würde Dir sicher Spaß machen. Und ja: Dass damals beim Hinstellen von diesen ganzen Bergen nicht an die Kleinen gedacht wurde – wirklich frevelhaft! 😉 Liebe Grüße, Nadine

  2. Oh ja – zu Anfang war es wirklich ein Kaiserwetter und dann zeigten die Berge, wie unberechenbar das Wetter doch bei ihnen sein kann. Eine wirklich schöne Tour. Muss ich auch noch auf meine Liste setzen.
    Herzliche Grüße
    Conny

    • Hallo Conny, noch ein Tipp – falls Du die Tour einen Ticken länger machen willst: Von Norden her gibt’s die Variante über die Fritz-Pflaum-Hütte und über das Kleine Törl. Die mündet dann in den gleichen finalen Gipfelanstieg. So würde ich gleich glatt noch mal mit auf die Regalmwand kommen. 😉 Viele Grüße, Nadine

  3. Ups, jetzt erst gesehen, den schönen Bericht! Ich lasse mich gerne wieder anstiften von Dir. 🙂

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