Von Hölzchen & Stöckchen

Hinter der Brandung

7. September 2017

Spätsommer auf Spiekeroog

Als ich aus dem Meer steige, dem die Abendsonne betont leicht einen goldgelben Strich verpasst hat, weiß ich: Das ist das Sommerende. Weiter draußen brechen sich die Wellen; hier am Strand kommt nur ein leichtes an-Land-Plätschern des Wassers an. Wie ein leiser Nachhall, wie ein sanftes ciao, adiós, good-bye.

Ich überlege, dass ich auch am nächsten Abend noch einmal versuchen könnte, einen Moment zu finden um ins Meer zu gehen. Gleichzeitig ahne ich: Nochmal im Wasser unterzutauchen, nochmal den Spätsommer auf der Haut spüren zu wollen, könnte kaum heranreichen an diesen Abend am Strand von Spiekeroog.

In meiner Erinnerung wird dieser Abend blau-weiß-gestreift sein. So wie die Strandkörbe auf der Insel. Es sind blau-weiße Streifen, die mich an “Der Tod in Venedig” denken lassen. Streng genommen bringen mich weniger die Strandkörbe als vielmehr die Badekarren auf Thomas Mann; auf seine Novelle, die vor einigen Jahren die Büchergilde Gutenberg so liebevoll mit ganz viel Retro-Ringel-Blau illustriert hat.

Retro-Chic

Badekarren! – So wunderbar nostalgisch wie längst überholt. Im 18. und 19. Jahrhundert dienten die Badekarren der gepflegten Sittlichkeit. Zunächst in England, von dort aus verbreitete sich die hölzerne, mobile Strandumkleide bald auch in die Bäder der Nord- und Ostsee: Zum Strand kommend zog vor allem Frau sich darin um, bevor der Karren – meist von Pferden – ins Wasser gezogen wurde und abseits fremder Blicke in die Wellen gestiegen werden durfte.

Heute stehen die Badekarren wieder auf den Ostfriesischen Inseln. Sie dienen als Umkleide, Sanitätsraum oder für die Badeaufsicht. Und wirken doch – zumindest in der ausklingenden Hauptsaison – vor allem als Requisit, das von der Leichtigkeit des ostfriesischen Sommers erzählt.

Bevor der Sommer vorbei ist …

Es ist Anfang September und noch immer ist dieses Leichtigkeit zu spüren: Weder ist es so voll, um gleich wieder Reißaus nehmen zu wollen. Noch so leer, um sich in Einsamkeit zu üben. Riesige Sandburgen berichten von Familien, die hier tagsüber waren. Jetzt, am frühen Abend, sind vor allem Ältere am Strand unterwegs.

Im Atmen verlieren

Ich mache das, was ich auch in den Bergen und eigentlich überall in der Natur so gerne tue: Ganz tief ein und ausatmen. Den Feinstaub & Co der Großstadt hinter mir lassen.

Hier auf den Inseln sei das mit dem Atmen noch mal etwas ganz anderes, hatte ich erfahren. Denn das Reizklima wirke therapeutisch – vor allem bei Atemwegserkrankungen oder Hautproblemen. “Thalasso”, also Anwendungen mit Meerwasser, Algen, Schlick und eben Meerluft, ist das Zauberwort. Die positiven Effekte die Reizklimas waren schon Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt und wurden in den Seebädern bis Anfang des 20. Jahrhunderts ausgiebig genutzt; doch nach dem 2. Weltkrieg vertrauten viele lieber allzeit verfügbaren Medikamenten statt der Natur. Erst in den letzten Jahren ist Thalasso wieder in aller Munde.

Ob mit einem gesundheitlichen Problem oder gesund, ob aus therapeutischen Gründen, zum Wellnessen oder eben einfach nur so: Langsam solle man sich an die allergenarme und reine Seeluft gewöhnen. Das klingt für mich wie: Komme lieber eine Woche als nur ein Wochenende. Nichts leichter als das, würde ich meinen.

Grüner Bullerbü-Bonus

Die Strände sind eine Offenbarung. Das Wetter ist noch besser. Und dann erst das Dorf! – Spiekeroog hat Glück gehabt und, anders als beispielsweise der östliche Inselnachbar Wangerooge, im 2. Weltkrieg keine Bomben abbekommen.

Hier umherzuschlendern ist ein Genuss und treibt nicht nur mir ein Grinsen ins Gesicht. Der Weg vom Hafen ins Dorf ist kurz, die Insel überschaubar klein und autofrei. Fahrräder sieht man zwar hier und da; aber die schmalen Gassen, die zwischen den alten, oft denkmalgeschützten Häusern hindurchführen, sind tagsüber verkehrs- heißt: fahrradberuhigt und so geht man am besten zu Fuß.

Dass der Ort, dass die Insel – auch im Vergleich zu anderen ostfriesischen Nachbarn – eigen ist, fällt auf Schritt und Tritt auf. Da wäre zum einen das Grün der vielen Bäume im Dorf. Ihre häufig verkrüppelten Formen berichten von der Richtung, aus der der Wind im Winter meist pfeift. Und davon, dass sich auf den Sanddünen nur wenige Nährstoffe zum Wachsen finden.

Grün geht es auch an den Häusern weiter.  RAL 6005 heißt der Schlüssel zum Inselglück. Moosgrün. Vor allem Fensterrahmen und Veranden sind damit gestrichen, Zäune und Verzierungen.

In den Dünen

Zum Strand geht es ein paar hundert Meter aus dem Dorf raus. Schmale Wege schlängeln sich durch hügelige Dünen. Die höchste von ihnen ist 24 Meter hoch und damit gleichzeitig der höchste Punkt ganz Ostfrieslands.

Spiekeroog ist die einzige der ostfriesischen Inseln ohne Flugplatz. – “Weil ihr ihn nicht wollt?”, frage ich. “Bei uns ist alles, weil wir’s nicht wollen!”, ist die selbstbewusste Antwort.

Merke: Kein Flugplatz. Keine (Leih-)Fahrräder. Und vor allem kein blau gestrichenes Haus. 

Nach Spiekeroog muss man wollen. Rein zufällig kommt hier kaum jemand vorbei: Im Wattfahrwasser können nur kleine Boote verkehren. Und das eben auch nur, wenn das Gezeitenspiel von Ebbe und Flut es zulässt, die Schifffahrt nach Spiekeroog ist tideabhängig. Will man sich und seine sieben Urlaubssachen dann auf der Insel fortbewegen, so ist der Bollerwagen das Transportmittel der Wahl. Aus Festlands-Sicht lässt sich damit zwar kein Staat machen. Aber auch er trägt eben zu diesem Naturnah-Gefühl der Insel bei, die obendrein mitten im Nationalpark Wattenmeer liegt.

Als ich Spiekeroog wieder verlasse, denke ich an blau-weiße Streifen, an viel Grün … und habe ein “Bis hoffentlich ganz bald mal wieder” auf den Lippen. Gerne auch bei Schietwetter, da bin ich mir schon jetzt ganz sicher.

Hier mal bei Sturm sitzen! – Blick aus der Panoramasauna vom Inselbad

 

Spiekeroog habe ich während einer Pressereise von Die Nordsee GmbH kennengelernt. 

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1 Kommentar

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    […] Nadine von KulturNatur hat Spiekeroog blau-weiß gestreift in Erinnerung. […]

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