Von Hölzchen & Stöckchen

Hampelmänner aus den Bergen

10. Februar 2017

Die Oberammergauer Schnürlkasperl

Nur allzu gerne schaue ich Handwerkern über die Schulter: Dem Goldschmied, wie er aus einem viereckigen Stück Weißgold einen Ring formt. Der Töpferin, wie sie aus einem Klumpen Lehm eine Vase dreht. Oder eben dem Holzschnitzer.

So wie in der Werkstatt von Markus Wagner, der in Oberammergau Holzschnitzer ist und Hampelmänner fertigt – die hier allerdings eher Fadengaukler oder Schnürlkasperl genannt werden.

Diese bunt angemalten Schnürkasperl aus Bergfichtenholz sehen zwar aus wie Spielzeug, sind aber heutzutage, nicht zuletzt wegen ihres Preises, doch mehr Liebhaber- und Deko-Objekt. Über den tatsächlichen Zweck als Spielzeug hinaus sind die filigran wirkenden Figuren seit jeher oft mit einer zusätzlichen Bedeutung aufgeladen. Manche verspotten feinsinnig, andere wirken einfach adrett. In der Werkstatt des Oberammergauers hängen neben dem klassischen Rautenkasperl auch moderne Figuren wie ein Bass-Geiger, ein Tanzpaar oder ein Jäger.

Gemeinsam ist allen Figuren, dass sie ausschließlich von Hand gefertigt werden: Den Kopf schnitzt Markus Wagner mit wenigen Schnitten aus einem Stück Holz. Alle anderen Teile bestehen aus dünnen Bergschindelbrettchen, die er mit dem Schnitzmesser in Form bringt. Mit kleinen Holzdübeln verleimt er alles, durch Schnüre verbindet er die Gliedmaßen miteinander. Später dann malt er alles bunt an. – Kleinteilige Arbeitsschritte, die sich zu drei bis vier Stunden Arbeit je Figur aufaddieren.

Wie so oft, wenn ich einem Handwerker in seiner Werkstatt bei seiner Arbeit zuschaue, verliere ich jegliches Gefühl für die Zeit. Immer flacher steht die Sonne an diesem späten Sommernachmittag, der allmählich in den frühen Abend übergeht. Zeit für uns, aus dem angenehm anachronistisch wirkenden Refugium aufzutauchen und die Werkstatt-Tür für heute von außen zu verschließen.

Noch mehr über die Oberammergauer Holzschnitzer

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war der Passions- und Herrgottsschnitzer-Ort Oberammergau für seine Holzspielsachen bekannt. Dieses Spielzeug waren nicht nur für Kinder bestimmt, sondern es gab zum Beispiel auch Tischspiele für Erwachsene. Und eben: Schnürlkasperl.

Heute macht – wie vielen anderen Handwerkern – die asiatische Konkurrenz mit Waren aus günstiger Massenproduktion den heimischen Holzschnitzern zu schaffen. Auch Materialien wie bestimmte, traditionell verwendete Farben und Bindfäden, die für die Herstellung der Schnürlkasperl benötigt werden, sind nur noch schwer zu bekommen.

Interessante Einblicke in die historische Oberammergauer Spielzeugherstellung gibts auch im Oberammergau Museum.

Wer sich für den Beruf des Holzschnitzers und Holzbildhauers ganz und gar so interessiert, dass er ihn erlernen möchte: Auch das ist in Oberammergau möglich, auf der Berufsfachschule für Holzbildhauer.

Spielzeug, Kunstgegenstand oder Deko-Objekt – auch bei Schnürlkasperln gibt es unterschiedliche Geschmäcker. Ganz eigene Interpretationen der Hampelmänner haben beispielsweise die Oberammergauer Holzbildhauerinnen Petra Deschler und Michaela Müller-Unruh.

Lust auf mehr Kunsthandwerk aus den Bergen?: Für die „eigenständige Herstellung und Handarbeit in den Ammergauer Alpen“ bürgt das Siegel Ammergauer Alpen Kunsthandwerk.

 

Die Schnürlkasperl-Werkstatt habe ich während einer Pressereise der Ammergau Alpen besucht.  

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