Bergauf

Ein Bummel durchs Berchtesgadener Land:

13. Juli 2015
Gipfelstürmer

24 Stunden Watzmann. Extrem

„Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt.“ – Meinte Mark Twain.

Ein passenderes Zitat könnte mir die Schönauer Frühstückspost an diesem Morgen wohl nicht bescheren: Das Berchtesgadener Wanderfestival läuft an. Und damit mehrere Stundenläufe. – 12 Stunden oder 24 Stunden wollen die Teilnehmer da unterwegs sein. 350 Einheimische und Touristen sind’s insgesamt; darunter gut 100 Frauen. Ins Lattengebirge, auf den Untersberg oder aufs Watzmannhaus gehts.

Schönauer Aussichten auf 24 Stunden Watzmann Extrem

Schönauer Aussichten auf 24 Stunden Watzmann Extrem

… und die ganz Verrückten wollen auf das Watzmann-Hocheck. 60 Männer, 23 Frauen. Hätte uns Mark Twain gesehen, er hätte sicher einen bissigen Kommentar übrig gehabt. Denn es sind Hochsommertage. Tage, an denen du jegliche Anstrengung vermeiden willst. Tage, in denen selbst ein Sprung in den tiefen, eiskalten Königsee nicht ganz abwegig erscheint …

Ums kurz zu machen: Die 24-Stunden-Tour aufs Watzmann-Hocheck ist in so einigem extrem. Die nackten Zahlen: 63 Kilometer und 3.300 oder so Höhenmeter. Und dann noch …

Die Temperaturen

10 Uhr – Königssee: Überraschend schattig und angenehm kühl war’s auf unserer ersten Etappe von Berchtesgaden nach Süden. Der Königsseer Ache sei Dank.

Ich rechne kurz durch: Im Tal würden es heute gut über 30 Grad werden. Unser höchstes Ziel, das Watzmann-Hocheck, ist 2.651m hoch und liegt damit ziemlich genau 2.000 Meter über uns. Pro 100 Höhenmeter grob gerundet ein Grad weniger. Konkreter sind es nur 0,65 Grad oder so; für uns also 13 Grad weniger als im Tal. Immerhin!

Der Weg führt kurz durch Wiesen, verschwindet dann im Wald. Es geht steil den Berg hinauf. Ich bin froh um den Halbschatten. Nach einer guten Weile, in der unsere Gruppe weit auseinander gerissen wird, lichtet sich der Wald – und der Watzmann lässt sich wieder blicken. Nun gut, ein paar hundert schweißtreibende Meter liegen bis zum Gipfel schon noch vor uns …

Der Durst

13:45 Uhr – Watzmannhaus: Liter fünf und sechs verschwinden in meinem Platypus. Eine Mischung aus stillem Wasser und Apfelsaftschorle. Außerdem nehme ich ein paar Cracker. Mir scheint, als könne man heute nicht salzhaltig genug essen. Einfach herrlich waren deshalb auch schon die Gewürzgurken, die es zusammen mit Käsestücken, Tomaten und andern kleinen Snacks weiter unten, auf der Kührointalm, für uns gab.

Gleich erreicht: Watzmannhaus

Gleich erreicht: Watzmannhaus

Und dann eben: trinken, trinken, trinken … Am besten ließe sich das ja machen, wenn man einfach auf dem Watzmannhaus bliebe. Von dort würde man einen langen, bunten Bandwurm sehen, der sich allmählich zum Hocheck hinaufschlängelt. Durch Schotter, über die eine oder andere seilversicherte Stufe hinweg, irgendwann nah am Grat entlang.

Bisher war ich nur ein Mal auf dem Hocheck, in dickem Nebel. Damals war die Sicht gleich Null, ich habe nur den kleinen Durchschlupf vom Gipfel zur Unterstandshütte gesehen, links und rechts vielleicht zwei Meter – mehr nicht. Und welch ein Blick heute!

Die Landschaft

16 Uhr – Watzmann-Hocheck: Ich hatte seit meinem ersten Besuch hier oben angenommen, dass der Hocheck-Gipfel recht klein sein müsste. Vielleicht, weil das Gipfelkreuz so zierlich ist. Heute jedoch sehe ich schon aus der Ferne: Weit gefehlt. Alle 24-Stunden-Watzmann-Extrem-Wanderer passen drauf. Die Ersten warten auf die Letzten. Gemeinsam gibt’s Fotos, das Gipfelbuch geht rum.

Ich kann mich kaum satt sehen. Hüben und drüben – überall Berge. Hochkalter hier, Schönfeldspitze dort. Das Steinerne Meer, dahinter ein Meer aus entfernten Gifpeln. Sonst nichts mehr. Perfekter könnte es einfach nicht sein.

Watzmannhaus

Abstieg vom Watzmann Hocheck

Zwei Pausen und 2.000 Höhenmeter bergab später … wird sind wieder im Tal und es ist dunkel. Der Weg von Ramsau zum Hintersee führt durch den sogenannten Zauberwald. Der Zauberwald ist wirklich zauberhaft: Vor mehreren tausend Jahren gab’s hier einen großen Bergsturz vom Hochkalter. Ein Teil lässt sich heute rund um die Blaueishütte zum Bouldern und für Kletterübungen nutzen, einen Teil hat’s hier runter geschleudert.

Zwischen den Felsbrocken im Zauberwald bahnt sich die Ramsauer Ache ihren Weg. Speziell für uns ist der Weg heute farbig ausgeleuchtet. Hier und da stehen große Lautsprecher-Boxen, aus denen klassische Musik tönt. Den recht laut rauschenden Bach scheint das wenig zu beeindrucken. Mich schon. Ich bleibe stehen, lausche ein wenig, fotografiere.

Das Tempo

23 Uhr – Hintersee: … und zack, bin ich wieder mal eines der Schlusslichter der Gruppe. Schnell geht’s um den Hintersee herum. Erst vor kurzem hatte ich erlebt, wie schön es hier tagsüber ist. Jetzt erfreuen wir uns an den wunderbaren Reflexionen und Lichteffekten, die sich am seichten See zwischen dem Schilf ergeben, als wir mit den Stirnlampen draufleuchten.

Eine Weile später geht’s gefühlt im Stechschritt durch den Wald Richtung Taubensee. Überhaupt scheinen die Grenzen längst verschwommen zwischen Wandern … und … Berglauf(?). Die Gehzeiten und Pausen sind minutiös geplant, anders würde es wohl auch gar nicht funktionieren. Ganz klar: Trödeln is’ nich’ auf so ner Wanderung. Doch unsere Gruppe ist schnell. Verdammt schnell. Selbst die Letzten bleiben vor den geplanten Zeiten und bekommen so häufig auch noch ein paar extra-Minuten Pause.

Irgendwo am Taubensee ist trotzdem mein Tiefpunkt erreicht. „Nie wieder!“ schreien mir meine Gedanken entgegen. Und mein Hirn schmettert mir genervte Fragen von „Was machen wir hier überhaupt?“ bis „Und was bringt das ganze?“ entgegen. Ich lenke mich durch gemeinsame Gespräche mit meinen Mitwanderern ab. So geht’s Etappe für Etappe voran.

Berchtesgadener Land

Auf der Mordau-Alm: Trotz Lagerfeuer – zum ersten Mal scheint es ein wenig abzukühlen. Doch nur für einen kurzen Moment.

Der Innere Berg-Schweinehund

5 Uhr – Toter Mann: Eine Stunde zuvor dann auch noch eine Grundsatzdiskussion mit ihm, meinem Inneren Berg-Schweinehund. Ich hatte’s schon kommen sehen: Er wollte geradeaus, auf der Alternativstrecke über den Soleleitungsweg und hinüber zum Söldenköpfl, wo uns ein Frühstück erwartet. Die offizielle Strecke aber führte noch mal 350 Meter nach oben. Auf den Toten Mann.

Fast hätte ich mich von meinem Inneren Berg-Schweinehund zum leichteren Weg überreden lassen. Wir saßen im Gras, füllten wieder mal unsere Getränke nach und aßen eine Banane. Doch dann erinnerte ich mich: Neben der grandiosen Landschaft hatte mich diese 24-Stunden-Tour vor allem damit gereizt, dass Strecke und Höhenmeter noch mal ein Stück fordernder wären als bei meiner ersten derartigen Wanderung. Ganz offen: Eigentlich steh ich absolut gar nicht darauf, in meiner Freizeit permanent irgendwelche persönlichen Grenzen zu verschieben. Doch gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass es bei einer 24-Stunden-Wanderung in gewisser Art und Weise reizt, zu sehen „was geht“…

In kleiner Gruppe machen wir uns also auf den Weg zum Toten Mann, eine vergleichsweise unscheinbare Erhebung von 1.392m. Ich bummle gemächlichen Schrittes die alte Rodelbahn hinauf und diskutiere einmal mehr mit ihm. Da wird verhandelt und geklüngelt – umdrehen und zu den anderen auf den Soleleitungsweg … das ginge doch eigentlich auch, meint er.

Eine Mitwanderin beendet nichtsahnend die Diskussion. Auch sie lässt sich ein paar Schritte vom Rest der Gruppe zurückfallen, fragt, ob wir’s gemeinsam anpacken wollen. – Klar, wollen wir! Und so stehen auch wir kurz vor fünf im Morgengrauen auf dem Toten Mann. – Danke, Julia!

Spätestens jetzt ist endgültig klar, dass sich diese finalen Höhenmeter gelohnt haben. Von nun an geht es nur noch bergab. Eine ordentliche Portion Adrenalin macht sich bemerkbar. Langsam stellt sich das Gefühl ein: Es ist zu schaffen. Die Sonne geht auf. Alles wird gut!

Sonnenaufgang

Alles wird gut! – Sonnenaufgang am Toten Mann

Die Freude

9 Uhr – Berchtesgaden: „Gemütlich gehen!“ und gemütlich rasten war während der letzten beiden Stunden angesagt. Von unserer Frühstücksstation am Söldenköpfl hinunter ins Tal. Schließlich können wir alles – nur doch bitte nicht ins Ziel kommen, bevor die 24 Stunden um sind.

Auf den letzten Metern wird weiter kräftig Adrenalin ausgestoßen, die Lebensgeister scheinen bei vielen wieder geweckt. Und es entspinnen sich Gespräche darüber, dass man glücklicherweise mit dem einigermaßen richtigen Schuh unterwegs war. Darüber, dass durchaus noch Reserven da wären für ein paar Kilometer mehr. Und darüber, dass genau dieses Gefühl wohl immer dazu gehört.

Und so ist’s zu erklären, dass wir gemeinsam einigermaßen leichten Fußes durchs Ziel laufen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Berchtesgaden

Fast unten – auf der „Zielgeraden“ in Berchtesgaden

G’mahde Wiesn? – Mit Sicherheit nicht! Denn so viel ist klar: Nur, weil’s mit ner 24-Stunden-Wanderung vorher schon mal geklappt hat, muss es sich nicht auch bei einem nächsten Mal ausgehen. Ganz ehrlich: Hätte ich nicht im letzten Jahr bei einem 24-Stunden-Marsch mitgemacht und wäre ich nicht schon mal auf dem Hocheck gewesen – mir wäre im Traum nicht eingefallen, diese Tour mitzulaufen.

So aber war’s, trotz – und vielleicht ja auch: wegen – aller Strapazen … irgendwie doch ein 24-Stunden-Traum!

 

Gut zu wissen: … du würdest gerne, aber weißt nicht so recht?

Überstehst du sechs- bis achtstündige Wanderungen einigermaßen wohlgelaunt? – Dann kannst du auch eine 24h-Wanderung packen. Das wahrscheinlich wichtigste, um eine 24h-Wanderung durchzuhalten: Das eigene Tempo laufen.

Neben dem 24h Watzmann Extrem gibt es den 24h Watzmann Alpin. Beide führen bis zum Watzmannhaus, die Extrem-Variante führt noch etwa 700 Höhenmeter weiter bis auf’s Watzmann-Hocheck. Die Streckenführung verläuft zumeist über Forst- und Waldwege; auf dem oberen Stück zum Watzmannhaus geht’s über einen Steig, der an ein paar kurzen Stellen seilgesichert ist. Anspruchsvoller wird’s für alle, die auf’s Hocheck wollen: Auf dem als schwarz markierten Weg geht’s mitunter mühsam durch einigen Schotter und über mehrere seilgesicherte Stellen zum Gipfel.

Weitere Infos und Antworten gibt’s direkt beim Veranstalter in Berchtesgaden.

Zum Weiterlesen: 

Uli war beim 12h-Salzalpensteig dabei. Auch Sepp hat sich den 24h Watzmann Extrem gegeben. Genauso wie Andreas & Simon von Gipfelfieber.

Und sonst so: „Bummel durch Deutschland“ (Büchergilde Gutenberg, wunderbar illustriert von Hans Traxler), Auszug aus „A tramp abroad“ von Mark Twain. Er bummelt, wandert und läuft dabei vor allem entlang von Rhein und Neckar, später durch den Schwarzwald. Bevor’s in die Schweizer Alpen geht.

 

Die 63 Kilometer und rund 3.300 Höhenmeter des 24h Watzmann Extrem bin ich auf Einladung von Berchtesgadener Land Tourismus gelaufen.

 

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4 Kommentare

  • Reply 24 h wandern und wie man das übersteht - Watzmann Extrem 14. Juli 2015

    […] Berichte: Nadine „Hardine“ von KulturNatur.de, Uli von auf-den-berg.de, Sepp vom […]

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  • Reply 12 Stunden wandern im Berchtesgadener Land | auf-den-berg.de 15. Juli 2015

    […] Alle haben sich die 24-Stunden Extrem Tour auf das Watzmannhaus und das Hocheck ausgesucht. Nadine bummelt extrem durch das Berchtesgadener Land. Andreas und Simon beschreiben, wie man eine 24 Stunden […]

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  • Reply Susanne 15. Juli 2015

    Liebe Nadine,
    gerade habe ich deinen spannenden Artikel über deine 24-Stunden-Wanderung gelesen und bin beim Lesen richtig mitgefiebert, wer gewinnt – dein Berg-Schweinehund oder du. 😉 Wobei ich mir ganz sicher war, dass du ihn auf alle Fälle überreden könntest. Toller Blogbeitrag!!! Und das Zitat von Mark Twain muss ich mir unbedingt merken!
    Viele liebe Grüße, Susanne

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    • Nadine
      Reply Nadine 27. Juli 2015

      Liebe Susanne,
      “mit­ge­fiebert” — wunderbar! Oh, da hast du aber mehr Vertrauen in mich und meine Überzeugungskünste gehabt, als ich selbst. Ich war mir näm­lich wirk­lich lange nicht sicher, wer das Rennen machen würde, der Bergschweinehund oder ich …

      Liebe Grüße aus München, Nadine

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