Gedanken am Wege

Kultur ist für mich …

8. Juni 2015
Nationalpark Bayerischer Wald: Filz (Hochmoor)

… auch gesellschaftliches Bewusstsein & Übereinkommen

„Die Suizid-Rate ist bei Kulturwissenschaftlern höher als bei anderen Studierenden.“ Und: „Es gibt nicht die eine Definition von Kultur.“ – Zwei Sätze, die ich quasi in den ersten zwei Vorlesungen meines Studiums zu hören bekam. Später dachte ich mir: Vielleicht hängt ja das eine mit dem anderen zusammen. Denn es scheint doch wie ein Sisyphos-haftes Unterfangen, vier Jahre und mehr Kulturwissenschaften zu studieren. Und letztlich das Studienobjekt doch nur unvollständig erklären zu können. „Er scheiterte an der Definition. Und sprang.“ – So könnte der Nachruf lauten.

Ich folge am liebsten einer extrem weit gefassten Definition. Wonach Kultur all das ist, was vom Menschen gestaltet wurde. Natur ist dann der Rest. Übertragen auf meinen Blog beschreibe ich das eine immer als die Berg-, das andere als die Talthemen: Gipfel, Pflanzen und Tiere hier; Museen, Buchtipps und Weißwurstäquator dort. Weshalb dieses Themen-Potpourri auch KulturNatur heißt.

Doch selbst eine derart weit gefasste Definition von Kultur hat ihre Schwächen. Denn wo genau lässt sich zum Beispiel in einem Nationalpark die Grenze zwischen Kultur und Natur ziehen? Sagen wir mal: im Osten Bayerns? 1970 wurde dort der Nationalpark Bayerischer Wald gegründet. Als erster seiner Art in Deutschland. Seither gilt das Credo: „Natur Natur sein lassen.“

Nationalpark Bayerischer Wald: Filz (Hochmoor)

Nationalpark Bayerischer Wald: Filz (Hochmoor)

Wie ist das also dort? Wenn ich mich in der Kernzone des Nationalparks aufhalte, wo ausdrücklich nicht mehr eingegriffen wird? Wo Bäume wachsen und fallen, wie sie wollen? – Befinde ich mich dort, auf dem Holzbohlenweg, der vorbei an einigen Info-Tafeln durch das Hochmoor führt, in der „Kultur“ (weil vom Menschen gestaltet)? Und befände ich mich, würde ich einen Meter nach rechts oder links treten, in der „Natur“ (weil nicht mehr vom Menschen verändert)?

Denkbar wäre ja: Nebelfetzen-gleich wabert das kulturelle Bewusstsein ein paar Meter links und rechts des Wegs in eine Übergangszone hinein, bevor es sich in der Weite dieser durch nationale Rechtsvorschriften ganz klar umrissenen Natur verliert. Oder erfasst das gesellschaftliche Bewusstsein gar jeden Quadratmeter des Nationalparks?

Ist nicht die allermeiste sogenannte Natur (zumindest in Mitteleuropa) heutzutage auch Teil der Kultur? Als Ort eines ganz bewussten gesellschaftliches Übereinkommens, dass die Natur sich hier ihr selbst genügen darf; dass hier nicht mehr durch den Menschen eingegriffen wird.

Es ist und bleibt vertrackt. Vielleicht nähere ich mich bei Gelegenheit ja mal von der anderen Seite dem Thema. Da heißt es dann: „Natur ist für mich …“

Nationalpark Bayerischer Wald: Schachten

Nationalpark Bayerischer Wald: Schachten

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade “Kultur ist für mich …”, initiiert von Kulturbloggerin Tanja Praske. Noch bis zum 30. Juni 2015 haben Blogger die Möglichkeit, mit einem eigenen Beitrag an der Blogparade teilzunehmen. Auf Twitter kannst Du dem ganzen unter #KultDef folgen.

Nationalpark Bayerischer Wald - Pfade und Wege

Nationalpark Bayerischer Wald – Pfade und Wege

 

 

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6 Kommentare

  • Reply Tanja Praske 8. Juni 2015

    Liebe Nadine,

    bei dir kommentiere ich immer gerne (sollte ich wieder häufiger tun ;-)) – ein herzliches Dankeschön für diese Gedankenfetzen zur Blogparade #KultDef!

    Mir hatte man die hohe Suizid-Rate der Kulturwissenschaftler nicht im ersten Semester der Kunstgeschichte gesagt. Waren wir schon wieder zu speziell? Wenngleich uns allen klar war, ein Auskommen mit Kunstgeschichte wird sehr schwer sein. Das traf dann auch tatsächlich zu, auch wenn ich mich nicht wirklich beschweren kann. Würde ich das Ganze so nochmals machen? Ein Ja mit kleinen Veränderungen. Statt Romanistik und klassische Archäologie hätte mich wohl BWL als zweites Hauptfach erwischt. Nun ja.

    Was mir bei dir hier gefällt ist, wie du dein Blog-Motto darlegst und es freut mich sehr, dass meine Blogparade dir dazu den Anreiz bot! Die Fotos vom Bayerischen Wald sind wunderschön. Wir haben früher dort auch immer unseren Urlaub verbracht und die Abgeschiedenheit und scheinbare oder wirkliche Naturhaftigkeit sehr genossen.

    Vielen Dank!
    Herzlich,
    Tanja

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    • Nadine
      Reply Nadine 8. Juni 2015

      Liebe Tanja,

      … und ich dachte, jeder Kulturwissenschaftler darf sich diesen Spruch irgendwann mal anhören. 😉 Ich gebe dir ganz Recht: Auch ich möchte (neben den Kommunikationswissenschaften) mein KuWi-Studium nicht missen. Und auch ich hätte einige Details anders gemacht. Eine ordentliche Portion BWL wäre auch bei mir dabei. Vielleicht ja ein Doppelstudium.

      „Scheinbare oder wirkliche Naturhaftigkeit“ – schön ausgedrückt. Und schau mal in den Post von Daniela (unten) … da schließen sich noch ganz andere Kreise. Ich glaube, das gibt Futter für mindestens zwei weitere Blogparaden. Macht immer wieder großen Spaß, über deine Themen nachzudenken.

      Ich drück dir die Daumen für den diesjährigen Isarnetz Blog Award! – Liebe Grüße,
      Nadine

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  • Reply Blogparade: "Kultur ist für mich ..." - Aufruf #KultDef 8. Juni 2015

    […] “Kultur ist für mich …” …auch gesellschaftliches Bewusstsein &Übereinkommen” (8.6.15) // […]

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  • Reply Genuss Touren 8. Juni 2015

    Hallo Nadine,

    bei Deinem Artikel musste ich spontan an die englischen Landschaftsgärten denken, die ja hoch artifizielle Gebilde sind, aber teils wie gewachsene Natur wirken.

    Ich denke auch, dass wir in Nordeuropa fast nur noch in der von Dir skizzierten Form von Natur sprechen können. Spannend wäre es, den Gedanken weiterzuspinnen. Wie fassen wie beispielsweise eine Landschaft in Afrika auf, in der die Bewohner noch in weiten Teilen von und mit der Natur leben?

    Viele Grüße

    Daniela

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    • Nadine
      Reply Nadine 8. Juni 2015

      Hallo Daniela,

      lese ich da „Englischer Landschaftsgarten“? Neulich war ich (gemeinsam mit Tanja) im Schlosspark Nymphenburg lustwandeln und habe auch darüber ein wenig philosophiert: http://www.kulturnatur.de/2015/04/21/hach-schoen-hier/ … Ich find’s toll, dass du just diese Verbindung herstellst. Warst du nicht zufällig beim Lustwandeln dabei, oder?! 😉
      Oha – und dein Gedanke zu Afrika … vielleicht kann ich den mal weiterspinnen bei Gelegenheit. Sehr speziell, ganz faszinierend ist es dort … Ich hatte vor zwei Jahren die wunderbare Gelegenheit, eine Freundin, die in Südafrika als Rangerin arbeitet, zu besuchen. Eins weiß ich: Meine Sinne waren nie zuvor oder danach so geschärft wie bei einer „Wanderung“ durch die südafrikanische Natur. http://www.kulturnatur.de/2014/04/22/zu-fuss-im-suedafrikanischen-busch/.
      Viele Grüße,
      Nadine

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  • Reply Kulturbegriff - brauchen wir Kultur? #KultDef 1 22. November 2015

    […] KulturNatur: „Kultur ist für mich …“ […]

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