Niederlande Über Land

Wie die Tulpe nach Holland kam

Die turbanförmige Schöne, Leiden und ein Danke

Geht es nach dem Schweizer Kabarettisten Franz Hohler, dann ist die Frage nach dem Wie und Warum, eben nach der Frage, wie die Tulpe nach Holland kam, recht schnell und einleuchtend erklärt: Ein Tauschhandel zwischen den Schweizern und den Holländern war vorausgegangen. Und ganz viel Glauben. So jedenfalls lässt sich Hohler Kabarettstück „Wie die Berge in die Schweiz kamen“ zusammenfassen und aus holländischer Sicht lesen.

Bei aller Komik dieser Geschichte spielten zwei Dinge tatsächlich eine Rolle für den ganz realen Weg der Tulpen nach Holland. Die Berge. Und der Glaube.

Kleiner Zeitsprung in das ausgehende 16. Jahrhundert: Zu dieser Zeit arbeitete Charles de l’Écluse am Hofe von Maximilian II. in Wien. L’Écluse, der besser unter dem Namen Clusius bekannt ist, war zuvor wie kein anderer Botaniker seiner Zeit weit in Europa herumgekommen und kannte entsprechend genau viele Pflanzenarten. In Wien war er ab 1573 Hofbotaniker, legte dort das überhaupt erste Alpinum an und führte am Wiener Hof neben der Kartoffel und der Rosskastanie auch die Tulpe ein, nachdem letztere zuvor schon den Weg aus ihrer ursprünglichen Heimat, den Bergen Zentralasiens, zum Osmanischen Sultan gefunden hatte.

Dann also die Sache mit dem Glauben: Protestanten und Katholiken behakten sich, die Reformation wurde mit Gegenreformation beantwortet. In der Folge verloren auch alle protestantischen Angestellten am Wiener Hof ihre Arbeit, darunter Clusius. Nach einigem Hierhin und Dahin kam Clusius an die Universität Leiden, wo er sich fortan um den gerade neu angelegten botanischen Lehrgarten kümmerte.

Hortus Botanicus in Leiden. (Eine Rekonstruktion:) Clusius‘ Garten heute.
Clusius vor seinem Garten
Clusius vor seinem Garten.

Clusius hatte sein gesamtes Tulpenwissen und auch ein paar Zwiebeln nach Holland mitgebracht und züchtete nun hinter dicken, roten Backsteinmauern neue Arten. Schon 1594 spitzte eine erste Tulpe zunächst ihr Blattgrün und bald darauf ihre Blüte aus holländischem Boden.

Prompt avancierte das zarte Geschöpf zu einer Sensation. Als dann auch noch einige Tulpenzwiebeln aus dem Botanischen Garten gestohlen und vermehrt wurden, setzte schnell ein regelrechtes Tulpenfieber ein. Tulpen waren schick, jeder wollte sie haben, und wer genügend Geld hatte, investierte in Tulpenzwiebeln. Anfang des 17. Jahrhunderts war ganz Holland einer Tulpenmanie verfallen – für einzelne Tulpenzwiebeln wurden mitunter ähnlich hohe Preise aufgerufen wie für die teuersten Häuser in Amsterdam. 1637 platzte die Spekulationsblase, der Hype war vorbei, viele Menschen ruiniert.

Dennoch: Der Markt berappelte und normalisierte sich; im Laufe der nächsten 300 Jahre wurde die Tulpe das holländische Produkt schlechthin.

Dann kam der Hungerwinter 1944/45: besetzt von den deutschen Truppen und abgeschnitten von der Versorgung, begannen die notleidenden Menschen in den westlichen Niederlanden Dinge zu essen, die zuvor nie in Betracht gekommen waren – zuerst Zuckerrüben, später auch Tulpenzwiebeln. Als in den letzten Kriegstagen die Alliierten in der „Operation Manna“ Versorgungsflüge über Holland fliegen und Lebensmittel abwerfen konnten, war auf einem Feld ein Schriftzug aus Tulpen zu lesen: MANY THANKS.

Was wäre Holland ohne Tulpen? Und ohne Windmühlen! – Radelnd nach Leiden: Vorbei an Lijkermolen No 1, eine der noch gut 1.000 Windmühlen in den Niederlanden.
Strenge Frühjahrs-Geometrie.

Die Universität Leiden hat mir zu Recherchezwecken freien Eintritt zum Botanischen Garten gewährt.

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