Werkraum-Ausstellung in Andelsbuch

Muss man eigentlich Kopfarbeiter sein, um Handgemachtes wertzuschätzen? Wann erfüllt etwas Handgemachtes einfach einen praktischen Zweck, wann wird es mit mehr Bedeutung aufgeladen? Warum genießen wir Handgemachtes heutzutage um so mehr, je mehr wir uns vielerorts von ihm entfremden? Wieviel darf Handgemachtes kosten? Ist das Verfassen von Texten Handwerk oder Kopfarbeit? Und überhaupt: Ist das Käsen eine Kunst? – Fragen, die mir in der aktuellen Ausstellung „Handgemacht“ im Werkraum Andelsbuch im Bregenzerwald durch den Kopf gehen.

Die Ausstellung, das sind 61 Kurzfilme von 61 Tätigkeiten: Schulter massieren. Pflastersteine verlegen. Basketball spielen. Rohr zuschneiden, kanten, falzen, körnen. Text verfassen. Alte Kacheln neu setzen. Melken. Sessel grundieren. Absätze reparieren. Touch-Screen bedienen. Hobel schärfen und einstellen. Fahrradbremse einrichten. Vase drehen. Mèsches auftragen. Mit Holzklötzen ein Haus bauen. Gewinde aufdichten. Brezel auswirken und schlingen. Brett hobeln. Rindsschulter ausbeinen. Karten spielen. Labialbogen biegen. Orgelpfeifen bauen. Hände waschen. Orchester dirigieren. Unkraut jäten. Kassieren im Supermarkt. Geige spielen. Senkschmieden. Rindsschulter zuschneiden. Schreiben lernen. Schuhoberteil schärfen und bugen. Gipseinbaumodul nachbearbeiten. Zierkopf schmieden. Broschüren kandieren. Mütze stricken. Crêpes machen. Uhrwerk reparieren. Luftballontiere knoten. Ring formen. Gussasphalt streichen. Spitzen verstürzen. Zapfen stecken, Schwalbenschwanz einfädeln. Ölbild malen. Bremsbeläge wechseln. Strauss binden. Käse umdrehen. Bart rasieren. Schaltschrank bauen, Kabel einziehen. Pferdeschweif bürsten. Zigarette drehen. Brennholz zusägen. Fahrrad reparieren. Straßenmusik machen. Etikettieren. Kanalsohle verlegen. Kiefer operieren. Spiralfedern schnüren. Schild vergolden. Rhabarber schälen und schneiden. Flächenfilzen.

Der Bauer flucht beim Melken „Herrgott!“ Ansonsten fällt selten ein Wort. Nur die Klangkulisse des Handgemachten ist zu vernehmen.

Mag sein, dass die Ausstellung auf den ersten Blick etwas experimentell wirkt. Auf den zweiten Blick ist sie vor allem eins: Entspannend. Denn es ist immer wieder faszinierend, einem Menschen dabei zuzuschauen, wie er mit seinen Händen etwas schafft. In jedem einzelnen Handgriff erkennst du das Wissen, das oft über Jahrhunderte und Jahrtausende gesammelt, weitergegeben und verfeinert wurde. Ganz gleich, ob nun ein Tischler seinen Hobel schärft oder ein Goldschmied einen Ring formt.

Und einmal mehr wird klar: Bei Handarbeitern ist ein sinnvolles und wirklich gelungenes Ergebnis nicht selbstverständlich. Genauso wenig wie bei Kopfarbeitern.

Infos

Die Ausstellung „Handgemacht“ ist noch bis zum 1. Oktober 2016 zu sehen. Eintritt 7,50 Euro. Jeder der Kurzfilme dauert wenige Minuten. Willst du jede einzelne Tätigkeit sehen, bist du gut drei Stunden mit der Ausstellung beschäftigt.

Der Werkraum Bregenzerwald in Andelsbuch ist Dienstag bis Samstag 10 – 18 Uhr geöffnet. In den Sommermonaten weitere Öffnungszeiten auch am Sonntag. In der angeschlossenen Wirtschaft kannst du auch etwas trinken und eine Kleinigkeit essen.

Als Schaufenster zur Handwerkskunst im Bregenzerwald versteht sich der Werkraum: Du kannst ganz unterschiedliche und immer wieder wechselnde Angebote und Produkte von Handwerkern aus dem Bregenzerwald anschauen und anfassen. Das Gebäude hat Peter Zumthor entworfen, Werkraum-Handwerker aus der Region haben es gebaut.

 

 

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