Produkttests

Produkt-Test: Garmont Dragontail

>Nadine Nadine
Juni 22, 2014

MNT GTX – Leicht & wasserdicht am Berg

Er braucht neue Schuhe. Und sie bekommt auch gleich ein Paar mit ab. Ab nun im Pärchen-Look mit dem Garmont Dragontail MNT GTX an den Füßen.

Ein neuer Bergschuh. Wozu das denn?

Jahrelang waren sie, kaum dass ein Hügelchen oder ein echter Gipfel in Sichtweite kam, in ihre Bergstiefel geschlüpft. Immer dem Mantra folgend, wonach auf die Füße besonders gut geachtet werden sollte: Feste Sohle, wasserdicht, rutschfest, robust. Und vor allem gut geschützt rund um den Knöchel. In den letzten Jahren dann jedoch: Immer weniger Lust, permanent mit diesem recht klobigen und schweren Fußschutz loszumarschieren. Sie holten sich einen leichten Bergschuh. Sie einen La Sportiva Boulder X; er einen von Meindl aus der Kategorie leichter Trekkingschuh. An trockenen Tagen verrichteten beide gut ihre Dienste. Auch an nassen Tagen gings mit ihrer Vibram-Sohle nahezu problemlos weiter, auch am Fels. Nur das Profil nutzte sich recht schnell ab. Bei ihm stellte sich – erwartungsgemäß, da der Schuh ein anderes Konzept hatte – das gewisse Rutschgefühl ein. Das sollte sich ändern. Mit einer ordentlichen Vibram-Sohle. Nach Möglichkeit müsste diese auch härter sein als beim La Sportiva.

Auf den ersten Blick

Kurz gesucht – schnell gefunden: Der Garmont Dragontail MNT GTX. Die Sohle macht den erwartet robusten Eindruck, erinnert eher an die ihrer Bergstiefel als an die leichtere Vibram-Sohle der bisherigen Zustiegsschuhe.

Die Farbe: Am Fuß darfs gerne dezent sein, so dass man mit dem Schuh nicht schon im nächsten Jahr ein komplettes Mode-Harakiri begeht. Da trifft es sich gut, dass es den Schuh neben der Grün-, Blau- und Rot-Variante auch in Taupe gibt. Grau-Braun wie der Schlamm, durch den es mit Sicherheit immer wieder mal gehen würde.

  • 1100 g (ein Paar in mittlerer Größe)
  • Zustiegsschuh/Approachschuh
  • Vibram-„Maton“-Sohle 
  • Gore-Tex

Das sagt der Hersteller

„Ideal für Hiking, Zustieg, Bouldering und natürlich auch als cooler Schuh im Ausgang.“ – Das mit dem „Ausgang“ würde ich streichen, wenn ich mal annehme, dass „Ausgang“ hier so was wie „Ausgehen“ und „Alltag in der Großstadt“ heißen soll. Dafür ist die stabile Sohle für meine Begriffe überdimensioniert. Der Schuh ist eben eher Felsen- statt Party-fest.

Das sagt der Verkäufer

„Der Dragontail ist ein wichtiger Schuh in Garmisch.“ Sie schmunzelt, als Flori das am Telefon verkündet. Dieser ist gelernter orthopädischer Schuhmacher und arbeitet in einem kleinen Bergsportladen, hinter dem die Loisach fließt. Vor der Ladentür schweift der Blick hoch zu den Wetterstein-Gipfeln.

Ja, ganz verständlich, was er meint: Am Berg ist man mit dem Schuh wohl gut aufgehoben. Und wer dann sein Heim an einem Berghang hat, wird auch glücklich sein mit dem, was er an den Füßen trägt. Und klar, dass er verstanden hat, was das Pärchen sucht. Einen vergleichbaren Schuh kenne er nicht. Dem Paar ist bei der eigenen Marktrecherche auch keiner aufgefallen.

Bei nächster Gelegenheit also persönlich im Laden gestanden. Anprobiert. Gekauft. Und sofort im Gelände getestet.

Das sagt sie. Und er

Direkt von Garmisch gehts weiter nach Füssen. Dort über den Nordanstieg (rot) zum Säuling. Hinunter über den teils versicherten Pfad (schwarz) mit seinen stellenweise unangenehm glatten Felsstüfchen zum Säulinghaus. Durch einiges Geröll und über viele feuchte Wurzeln auf einem Steig rund um den Pilgerschrofen zurück zum Ausgangspunkt.

Garmont.Dragentail.1

Reichlich gewöhnungsbedürftig ist der Schuh an diesem ersten Tag: Der Sohlenaufbau hoch wie bei einem Bergstiefel. Dabei so geschnitten, dass die Sohlenbasis einen Zentimeter schmaler ausfällt als beim Vorgänger, den sie trug; im Vergleich zu seinem alten Schuh sind es sogar zwei Zentimeter. Ähnlich muss es sich in Plateauschuhen fühlen. Doch dieses ungewohnte Gefühl gibt sich an Tag zwei, beim dritten Test ist es schon längst vergessen. Genau wie die warme Fußsohle, die’s bei der ersten Tour gibt und die kurz erschrecken lässt. Nach dem ersten Tourenwochenende außerdem: Muskelkater rund ums Sprunggelenk. Tief drin. – Da sind plötzlich ganz ungewohnte Muskeln aktiviert. Auch das ist nach einigen Mal tragen vergessen.

Der Garmont Dragontail hat eine deutlich schmalere Sohle als vergleichbare Zustiegsschuhe

Gewöhnungsbedürftig: Der Garmont Dragontail hat eine deutlich schmalere Sohle als vergleichbare Zustiegsschuhe

Es heißt, Garmont ist eher für schmale Füße geeignet. Stimmt sicher, dürfte sich aber mit dem aktuellen Modell von 2014 verbessert haben: Im direkten Vergleich mit dem Vorjahresmodell erscheint der Zehenbereich etwas anders geformt und damit auch eine Idee breiter. Genau soviel, dass sie sich – auch ohne schmalen Fuß – darin wohl fühlt. (Das war beim älteren Modell nicht der Fall.) Den Rest erledigt die Schnürung, die bis zu den Zehen reicht. Auf den ersten Touren die Schnürung einfach recht weit lassen, so dass sich der Schuh den persönlichen Bedürfnissen anpassen kann. Danach allmählich alles wieder fester schnüren. So brauchts weder bei ihr noch bei ihm eine extra große Größe, sondern ist die gleiche wie bei anderen Bergschuhen.

Säuling & Ahornspitze, Benediktenwandgruppe & Leilachspitze

Ergebnis: Getragen zwischen nasser Wiese und trockenem Fels, zwischen gemütlichem Geh- und leichtem Klettergelände. – Sie möchte den Garmont Dragontail schon nach sechs Tourentagen und gut 40 Stunden an den Füßen nicht wieder hergeben. Er auch nicht. Wie bei einem Bergstiefel gilt aber auch beim Dragontail nach einem langen Tag: Es ist schön, am Ende der Tour wieder rauszuschlüpfen.

Wann sollte man besser die Finger von diesem Schuh lassen?

  • Wenn man Probleme mit den Bändern hat, schnell umknickt etc.
  • Auf (Mehrtages-)Touren, die durch viel Blockwerk führen. Hier geht der Knöchelschutz vor.

Fazit

Gefällt:

  • angenehm leicht (als Bergstiefel-Ersatz. Für einen Schuh konzeptbedingt natürlich eher schwer)
  • sehr griffige Sohle mit Climbing Zone – ermöglicht präzises Treten auch auf kleineren Tritten
  • gute Fersenpolsterung
  • (nahezu) rundum hoher Geröllschutz – macht sich auch im Schlamm gut
  • steigeisentauglich (wer z. B. mit dem Schuh durchs Höllental auf die Zugspitze möchte)

Könnte verändert werden:

  • Schnürsenkel neigen dazu, sich immer wieder mal zu lösen (grundsätzlich zwar weniger als im Vergleich zu anderen Zustiegsschuhen. Es ist aber trotzdem störend.)

Garmont.Dragontail.3

Update (Oktober 2014):

Hat sich an meiner Einschätzung des Schuhs etwas geändert? Nein. Nicht wirklich. In dieser ersten Sommersaison habe ich den Garmont Dragontail MNT GTX an insgesamt 25 – zumeist ausgiebigen – Bergtagen betragen.

Garmont Dragontail

Die Sohle des Garmont Dragontail MNT GTX nach 25 meist langen Bergtagen

Ohne zu mucken, hält er am Berg eine Menge aus: Das „Abfahren“ in steilen Schotterreissen. Das Besteigen von 3.000ern. Genauso wie mehrtägige Touren.

Positiv aufgefallen: Die Sohle nutzt sich – wie erhofft – wenig ab. Am fabrikneuen Sohlenprofil runden sich die Kanten etwas. Das war’s auch schon. Außerdem ist die Sohle weitestgehend sehr griffig, auch auf nassem Fels. (Achtung: Modelle vor 2014 haben eine andere, weichere Sohle!)

Negativ aufgefallen: Die Goretex-Membran. – Nasses Gras oder leichte Schauer hält sie aus. Allerdings: Zwei Mal hat der Schuh einen jeweils zweistündigen Sturzregen erlebt. Anders als gedacht ist das Wasser nicht wirklich draußen geblieben, sondern recht zügig hineingesuppt. Kritischster Punkt nach meiner Beobachtung: Die Zunge/der Bereich unter der Schnürung. Empfehlung: Vor dem ersten Einsatz in jedem Fall zusätzlich & ausgiebig imprägnieren, das dürfte das Gröbste abhalten.

Gesamtfazit: Der Garmont Dragontail ist ein ziemlich perfekter 3-Jahreszeiten-Bergschuh, dem ich so weit wie möglich den Vorzug ggü. meinen schwereren & ungelenkeren Bergstiefeln gebe. Der Schuh hat mich auch im Dauertest überzeugt. Zu empfehlen, solange es nicht zu matschig oder mehrstündiger Dauerregen zu erwarten ist bzw. zu viel Schnee liegt.

Tipp: Ähnlich wie bei La Sportiva tendieren die Schuhe von Garmont dazu, kleiner als Schuhe der selben Größe anderer (mitteleuropäischer) Hersteller auszufallen. Wem die Wahl zwischen den beiden in Frage kommenden Größen schwer fällt, dem helfen vielleicht (orthopädisch geformte) Einlegesohlen. Die gibt es beim Orthopäden oder auch im Outdoorladen: Sohlen, die zum Zehenbereich hin besonders dünn gearbeitet sind, lassen dann eventuell doch zur kleineren Schuhgröße greifen. Die größere Größe kann etwas optimiert werden, indem man zu besonders dicken Einlegesohlen greift.

 

 

Comments

  • Produkttipp: Bergstiefel im Klassik-Look | KulturNatur

    […] hätte damit nicht München-Venedig lau­fen wol­len. Dennoch gebe ich, wenn ich nicht eh gerade mit einem halb­ho­hen Bergschuh unter­wegs bin, dem Karakorum auf­grund sei­ner Sohleneigenschaften häu­fig den Vorzug gegen­über der […]

    Okt 26, 2015
    Antworten

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