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Alpine Liebelei

Sechs Tage auf dem Pfunderer Höhenweg

Wie es auf dem Pfunderer Höhenweg gewesen sei, werde ich gefragt. – „Seltsam“, höre ich mich antworten.

Etwas diplomatischer drückt es Ute, eine meiner Begleiterinnen, aus: „Es ist nicht selbstverständlich, dass man nach fünf oder sechs Tagen in Bruneck ankommt, wenn man von Sterzing startend über den Pfunderer Höhenweg dorthin läuft. Tatsächlich brechen mehr als die Hälfte ab. Wir haben uns – mit einer Variante – durchgebissen …“

Wenn man so will, stößt der Pfunderer Höhenweg viele Wanderer schlichtweg vor den Kopf. Mit seinen langen Etappen, mit seinen steilen Hängen. Dabei kommt er vielerorts so charmant wie ausdrucksstark daher: Saftig grüne Wiesen durchbrechen immer wieder schroffe Felsen und einiges Blockwerk. Aber irgendwie …

Irgendwie ist der Höhenweg trotzdem nicht für jeden das Super-Duper-Absolut-Richtige. Wundere dich also nicht, wenn so wirklich vollends begeisterte Stimmen selten sind. Und wundere dich nicht, wenn du gerade noch begeisterten Erzählungen vom beeindruckenden Weg über zwei-drei-viele-viele Scharten lauschst. Nur, um im nächsten Satz zu hören, dass es für die Wanderer am nächsten Tag dann doch schon zum Relaxen hinunter ins Tal geht. – Der Pfunderer Höhenweg ist eben für viele nicht mehr als eine kurze, intensive Liebelei.

Die Fakten

Lage & Dauer: Der Pfunderer Höhenweg liegt auf der „Rückseite“ der Zillertaler Alpen, zwischen Sterzing und Bruneck. Um die gut 70 Kilometer durch die Südtiroler Berge zu gehen, benötigst du im Normalfall fünf bis sechs Tage. Der Weg wird meist von West nach Ost gegangen: Sterzing/Wiesen – Simile-Mahd-Alm – Brixner Hütte – (evtl. Brenninger-Biwak) – Edelrauthütte – Tiefrastenhütte – Bruneck/St. Georgen.

Anfahrt: Sehr gut von Deutschland aus mit dem Zug zu machen, regelmäßige Züge beispielsweise von München. Der Bahnhof Sterzing liegt am Stadtrand, kurz unter der Unterführung Richtung Wiesen hindurchgehen und innerhalb kürzester Zeit ist man am eigentlichen Ausgangspunkt der Tour. Ab Bruneck mit dem Zug zurück über Franzensfeste nach Sterzing oder weiter. Auch, wer die Tour vorzeitig abbricht, kommt immer wieder relativ zügig auf die Zugstrecke. Wer mit dem Auto anreist, kann kostenfrei auf dem großen Parkplatz am Bahnhof Sterzing parken.

Wegcharakter: Je nach Jahreszeit am ersten Tag viel durch kniehohes Gras. Später eine lose Abfolge von Gras & Stein. Immer wieder muss man recht steil abfallende Grashänge traversieren. Immer wieder relativ lange Etappen (6h+).

Wetter: Aufgrund des Wegcharakters nur bei trockenen Bedingungen zu empfehlen. Unbedingt Vorsicht bei Nässe: Die grünen Hänge sind dann sehr rutschig. Und lang …

Aus- und Abstiegsmöglichkeiten: Gibt es immer wieder. Meist wird man nach Süden absteigen, um wieder zum Zug zu gelangen. Gerade am Anfang bietet sich der Abstieg nach Norden ebenfalls an.

Schlüsselstelle: Die Gaisscharte nahe der Edelrauthütte. Die Etappe von der Brixner Hütte zur Edelrauthütte wird gern als die Königsetappe bezeichnet. Nicht ohne Grund, denn für den Weg benötigt man mit Gepäck etwa 9 Stunden, in denen man insgesamt gut 1.400 Höhenmeter aufsteigt. An der Gaisscharte (am Ende des Tages, gut eine Stunde vor Etappenziel) muss man etwa 40 Meter seilversichert abklettern.

Varianten: Die Königsetappe lässt sich entschärfen, indem man das Brenninger-Biwak (etwa 150 Meter unter dem eigentlichen Weg) nutzt und den Weg auf zwei Tage aufteilt. Außerdem gibt es vom Brenninger-Biwak eine Abstiegsmöglichkeit ins Tal. Wer also – beispielsweise wegen Wetter oder Kondition – nicht über die Gaisscharte möchte/kann, hat immer noch die Möglichkeit, über den Talweg Richtung Edelrauthütte zu gelangen. Man kommt etwa auf die gleichen Höhenmeter wie „oben rum“, hat aber unter dem Strich den einfacheren Weg, der sich auch bei ungünstigeren Bedingungen gut gehen lässt.

Kann man den Weg eigentlich auch von Ost nach West gehen?: Spätestens, wenn man sich die Etappe über die Gaisscharte anschaut, stellt sich diese Frage. Denn diese Scharte am Anfang des Tages und noch dazu im Aufstieg zu gehen, scheint sehr sinnvoll. Von daher: Ja, den Pfunderer Höhenweg kann man grundsätzlich auch von Bruneck nach Sterzing gehen. Einzig die erste Etappe ist dann extrem lang (laut Wirt ist wohl mit bis zu zwölf (!) Stunden im Aufstieg zur Tiefenrasthütte zu rechnen – was man gerne glaubt, wenn man den Weg schon mal abgestiegen ist). Alternativ kann man die Etappe auch auf zwei Tage aufteilen und geht über Pfalzen – oberhalb des Orts gibt es einzelne Unterkunftsmöglichkeiten wie den Lechnerhof und den Bärntalerhof.

Und wie nun – lohnt sich der Weg?: Ja, in jedem Fall. Der Weg ist sehr abwechslungsreich, die Hütten angenehm und gemütlich. Bei guten Bedingungen tun auf jeder Etappe immer wieder wunderbare Blicke auf; zum Beispiel auf dem Weg von der Tiefrastenhütte nach St. Georgen: Auf die vergletscherte Rückseite der Zillertaler Alpen im Norden. Und auf die Dolomiten im Süden. Inklusive Marmolata, Peitlerkofel, Piz Boè & Co.

Noch was?: Da viele Etappen lang und mit einigen Höhenmetern gespickt sind, solltest du wissen, worauf du dich einlässt. Im Idealfall bist du schon den einen oder anderen Höhenweg wie den Berliner Höhenweg gegangen und kannst einschätzen, was sechs bis neun Stunden Gehzeit bedeuten.

Aber letztlich: Vielleicht gehst du ja auch einfach nur einige Etappen. Und hast dennoch eine richtig gute Zeit. Denn ganz ehrlich: So ein Höhenweg ist eh nur eine willkürlich festgelegte Strecke. Und vielleicht hast du mehr Freunde, noch auf einen Gipfel zu steigen, statt den ganzen Weg „aus Prinzip“ zu laufen.

Apropos Gipfel: Die Tiefenrasthütte, die Edelrauthütte und die Brixner Hütte sind wunderbar auch für ein Hüttenwochenende zu empfehlen (Reservierung sehr ratsam). – Ringsum gibt es jeweils hübsche Gipfelziele. Rund um die Hütten ist der Weg übrigens nicht so einsam, wie man es nach den Beschreibungen wahrscheinlich denken würde. Aber unterwegs ist der Pfunderer Höhenweg über große Strecken tatsächlich alles andere als eine Wanderautobahn.

Karte: Tabacco-Blatt 037 und 033 (1:25.000)

Pfunderer Höhenweg: Wiesenwaten, das
Pfunderer Höhenweg: Wiesenwaten, das

 

  1. Johannes

    Liebe Nadine, deine Bilder sind einfach WOW! Die Naturschönheiten Südtirols sind halt nur schwer zu übertreffen. Uns zieht es auch schon seit Jahren in die Gegend um Meran – meist urlauben wir in einem der N.N. Hotels und unternehmen von da aus Ausflüge durch das ganze Land.

    • Hallo Johannes, ja, Südtirol hat in jedem Fall was … und liegt vor allem auf der „richtigen“ Seite der Alpen, was einem bei Schmuddelwetter im Norden (wie gerade jetzt) immer wieder besonders auffällt. Bitte habe Verständnis, dass ich die Hotelwerbung gelöscht habe; da lässt sich mit anderen Marketing-Maßnahmen sicher gezielter Aufmerksamkeit erzielen.

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