Bergauf Hier & da hin Österreich

Verstecktes Juwel im Rätikon:

Zu Besuch im Nenzinger Himmel

Drei Tage im Nenzinger Himmel sind so tiefenentspannend wie drei Wochen Skandinavien. – Dieser Gedanke kommt mir, als wir von unserem Vorarlberg-Besuch wieder nach Hause fahren. Denn während auf der Überholspur andere Autos wie Pfeile an uns vorbeischießen, hängen wir träge, erschöpft und glücklich unseren Erinnerungen nach – bummelnd auf der rechten Autobahn-Spur nach München.

„Nenzinger Himmel“ – Einer dieser Namen, der dein Gegenüber erst einmal ratlos lässt: „Oh … Nenzing, wo immer das auch ist???“ Und alternativ „Noch nie von diesem Himmel gehört. Was offenbar eine echte Lücke ist.“ Ja, ist es, soviel kann ich vorab verraten.

„Nenzinger Himmel“ – Das ist aber vor allem einer dieser Namen, bei dem sofort das große Kopfkino beginnt. Spätestens, wenn dann noch „abgelegene, sonnige Alpe“, „Zufahrt über ein atemberaubendes Sträßlein durch ein enges Tal“, „kaum Tourismus“ und „Rätikon“ fallen, ist es um einen geschehen.

Dass man im Internet nur wenig über den Nenzinger Himmel findet, könnte auch daran liegen, dass es sich um einen anfangs nur spöttisch verwendeten Begriff handelt. „Mir gohn ins Gamperdond“, sagen die Einheimischen statt dessen, wenn sie zu der Alpe und Ferienhaussiedlung im äußersten Südwesten von Vorarlberg aufbrechen. „Gamperdond“, „Gamperdonatal“ oder „Alpe Gamperdona“ – das will auch zu den Namen der umliegenden Gipfel besser passen: Schesaplana und Panüler, Naafkopf und Gorfion.

Wo geht's hier in den (Nenzinger) Himmel?
Wege aus dem (Nenzinger) Himmel

Der Weg in den Himmel führt durch die Hölle

Okay, das ist reichlich übertrieben. Aber als wir ins Gamperdond fahren, bin ich froh, dass ich auf der linken Seite des Kleinbusses sitze. Die Straße ist schmal; auf der rechten Seite ist der Abgrund zum Flüsschen Meng steil und tief. An den wohl heikelsten Abschnitten gibt es Leitplanken aus Holz. Die helfen mir, das latent mulmige Gefühl herunterzuschlucken. Ein kleiner Plausch mit den Mitfahrern, tiefes Ein- und Ausatmen und vor allem das Vertrauen in den einheimischen Fahrer erledigen den Rest. Nach etwa acht Kilometern ist’s geschafft. – Das Tal weitet sich und geht allmählich in liebliche, offene Weideflächen über. Weitere acht Kilometer später, am Talschluss, dann die Siedlung „Nenzinger Himmel“.

Berge, Berge, Berge …

An und für sich, so habe ich das Gefühl, könnte man gut und gerne einfach auch nur ganz gemütlich mehrere Tage im Talboden verbringen: schlafen, lesen, reden, Löcher in die Luft schauen – entspannen eben. Aber was ist der schönste Bergurlaub ohne Berg?

Tourenmöglichkeiten gibt es genug. Zum Einstieg und ersten Kennenlernen des Rätikon wählen wir am ersten Tag eine Wanderung auf den Fundelkopf, der im Nordosten vom Nenzinger Himmel, zum Brandnertal hin, liegt. Am zweiten Tag geht es in einem großen Kreis im Süden über die Pfälzer Hütte auf den Naafkopf, zur Großen Furka und zum Salarüljoch. Von dort über den Hirschsee zurück zum Nenzinger Himmel. – An beiden Abenden kommen wir einigermaßen erschöpft, aber mit diesem Grinsen, wie man’s sich wohl nur am Berg einfängt, zurück.

Vielleicht sollten wir gar nicht allzu viel von diesem kleinen, versteckten Juwel in Vorarlberg erzählen. Mit derlei Überlegungen und der Hoffnung, dass es den Nenzingern noch ganz lange gelingen möge, diesen Schatz zu erhalten, lassen wir das Tal nach 72 Stunden hinter uns. – Ich bin mir sicher: Es wird nur ein Abschied auf Zeit sein.

Der Himmelwirt: Alpengasthof Gamperdona

Gut zu wissen:

Anreise: Um in den Nenzinger Himmel zu gelangen, muss man entweder die 16 Kilometer von Nenzing nach Süden wandern. (Was nur bedingt zu empfehlen ist, denn es geht größtenteils über eine asphaltierte Straße.) Oder man lässt sich mit dem Kleinbus chauffieren. Für private PKW und für Radler ist die Mautstraße gesperrt. Das liegt daran, dass das Tal der Agrargemeinschaft Nenzing gehört, die sich um die Alp- und Forstwirtschaft im Tal kümmert. Die Straße ist also eine Privatstraße. Immer wieder von Muren betroffen noch dazu.

Unterkunft: Im Nenzinger Himmel gibt es heute rund 170 private Ferienhäuschen. Etwa zehn davon werden vermietet. Alternativ vermietet der „Himmelwirt“ Simon Stöckl im Alpengasthof Gamperdona zwölf gemütliche Gästezimmer mit viel Holz (Ein- bis Mehrbettzimmer) sowie zwölf Schlafplätze im Lager. Der Gasthof hat einen einfachen Standard (heißt: Gemeinschafts-Dusche/WC – dafür aber dann modern, groß und hell) und eine gute Küche.

Infrastruktur: Neben dem Gasthof gibt es noch ein kleines Café sowie ein Lädeli, in dem es u.a. Getränke, Eis und Souvenirs gibt. Käse (den zwölf Monate gereiften kann ich sehr empfehlen – nicht zu mild, nicht zu streng), Butter und Joghurt gibt es im Senntum – der Sennerei im Tal. Nebenan, in der Milchtrinkstube, schmecken die frische Heidelbeer- und Erdbeermilch besonders gut.

Beste Urlaubszeit: Ausschließlich im Sommerhalbjahr. Spontan eine Unterkunft zu buchen ist in der Vor- und Nachsaison einfacher als im Juli und August. Im Winter ist die Zufahrtsstraße zum Nenzinger Himmel gesperrt.

Flora und Fauna: Auf dem Weg zur Pfälzer Hütte (die schon auf Liechtensteiner Territorium liegt) gibt es einen Hang, in dem sich die – in der Natur durchaus rare – Feuerlilie finden lässt. Im Juni/Juli die Augen offen halten nach der prächtigen Blüte. Oder bei kundigen Einheimischen nachfragen. Im Gamperdonatal gibt’s außerdem Unmengen an Hirschen. – Fernglas nicht vergessen, das Rotwild lässt sich immer wieder gut beobachten.

Außergewöhnliches: Der Naafkopf ist mit seinen 2.570 Metern der Grenzberg zwischen Österreich, Liechtenstein und der Schweiz. Jede Flanke der schön gebauten Pyramide leitet in ein anderes Tal – und in ein anderes Land. Entsprechend sind selbst die Sitzbänke rund ums Gipfelkreuz dreigeteilt.

Tourenvorschlag: Weitere Infos zur Runde über die Pfälzer Hütte und den Naafkopf findest du auch im Rother Wanderführer „Vorarlberg“ (Dort ist sie allerdings im Uhrzeigersinn beschrieben). Ab/bis Nenzinger Himmel ist mit etwa acht Stunden reiner Gehzeit zu rechnen. Der Vorteil beim Gehen entgegen des Uhrzeigersinns, so wie wir es gemacht haben: Sollte das Wetter nicht ganz mitspielen, hat man mit Hütte und Gipfel immerhin schöne (Zwischen-)Ziele erreicht.

Weitere Infos, u.a. auch zu den zwei (Klein-)Busunternehmen, die in den Nenzinger Himmel fahren, auf der Website vom Tourismusverein Nenzing-Gurtis.

Nenzinger Himmel

Den Nenzinger Himmel habe ich auf Einladung vom Alpencamping Nenzing und vom Tourismusverein Nenzing-Gurtis kennengelernt.

  1. Ich war schon einige Male im Nenzinger Himmel und bin auch schon mehrmals durchs Gamperdonatal gewandert. Dort gibt es nämlich – obwohl Asphaltstraße – auch ein paar tolle Sachen zu entdecken. Immer wieder freue ich mich wie ein kleines Kind, wenn ich im Nenzinger Himmel umherwandere.

    • Hi Martin, das „nur bedingt zu empfehlen“ ist natürlich nur auf die Straße als solches bezogen – bin nicht so der Asphalt-Wandererer. 🙂 Du hast Recht, zu sehen gibt’s da links und rechts ne Menge! Warst du zufällig schon mal im Herbst dort?

  2. Peter Schmid

    Ich wohne in Nenzing und es immer wieder ein Erlebnis im „Nenzinger Himmel“.
    Wenn man im Sommer hineingeht (fährt) sollten einige „Entspannungspausen“ nicht fehlen. Wie Marin sagt, gibt es tolle Sachen zu sehen und zu erleben. Das ganze ist von Anfang an ein Naturjuwel.
    Der Weg bis Kühbruck (Kirchle) wird auch von Wallfahrern gerne genutzt. Dies ist eine besinnliche Wanderung. Eine Wanderung durch das Gamperdonatal, der Meng entlang, ist besonders im Winter zu empfehlen. Ausreichend Proviant mitnehmen und auf geht’s.
    Nicht zu vergessen ist auch die „kleine“ Mengschluchtwanderung. Hier kann man vom Dorf aus in einigen Minuten direkt in die Schlucht gehen. Vom in der Nähe liegenden Alpencamping sind es nur einige Meter.
    Viele wissen gar nicht wie schön es in unserer näheren Umgebung ist.

    • Hallo Peter,
      ja, das mit dem Winter kann ich mir perfekt vorstellen. Ich hatte im Gasthof dieses Nenzinger-Himmel-Buch von Thomas Gamon in der Hand. Tolle Bilder waren da drin. – Die in jedem Fall Lust machen, auch mal im Winter reinzuwandern. Und vorher noch zur Hirschbrunft. Danke auch für deinen Tipp zur „kleinen Mengschluchtwanderung“.
      Ein schönes Wochenende!

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