Deutschland Hölzchen und Stöckchen

Oberammergau in Schwarz-Weiß

Opulent. Schlicht. Zeitlos

Wenn ich in Oberammergau bin, oder auf einem der Berge ringsum, fange ich an zu schmunzeln. Immer. Garantiert. Denn meine innere Stimme summt dann unweigerlich ein Kinderlied:

Heut kommt der Hans zu mir, freut sich die Lies.

Ob er aber über Oberammergau,

Oder aber über Unterammergau,

Oder aber überhaupt nicht kommt,

ist nicht gewiss.

Das Lied habe ich als Siebenjährige im Musikunterricht gelernt. – Was mich noch immer verwundert. Denn das ganze war zu tiefsten DDR-Zeiten. Aber wahrscheinlich was das Lied alt und „Volkslied“ genug, um darüber hinwegzusehen, dass die besungenen Orte ja beim „Klassenfeind“ lagen.

Mitten in Oberammergau
Downtown Oberammergau

Apropos Klassenfeind. – Jahre später, im Geographieunterricht, gab es dieses für mich seither legendäre Schulbuch: In der ersten Buchhälfte haben wir alles Mögliche über einige Ostblock-Staaten gelernt. Bunte Bildchen von Ernterekorden und industriellem Fortschritt. Ab der Mitte dann ging es mit der BRD und Westeuropa weiter. Und damit auch ja niemand auf die Idee käme, es könnte schön sein im Westen, erzählten die Bilder von Arbeits- und Obdachlosigkeit. Und waren … schwarzweiß! Das Ende der Geschichte kennen wir: Trotz der Schwarzweiß-Bilder wollte das Volk 1989 genau dorthin, in den Westen.

Jedenfalls habe ich neulich wieder an das Lied gedacht. Und an die Schwarzweißbilder. Denn ich war in Oberammergau, wo ich einen Schwarzweiß-Foto-Workshop besucht habe.

Dieser Workshop war Teil vom „Intersport Gipfeltreffen“: Fünf Tage Berg-, Bike-, Canyoning-Touren. Dazu Klettersteige, Steinadler-Beobachtungen … you name it. Würde ich nicht eh immer wieder in den Ammergauer Alpen unterwegs sein, ich hätte vor lauter richtig schöner Touren gar nicht gewusst, was ich hätte nehmen sollen. Jedenfalls wundert es mich nicht, dass mir andere Gipfeltreffen-Teilnehmer ziemlich viel vorgeschwärmt haben.

Als Schmankerl neben den ganzen Aktiv-Angeboten gabs auch einige Leica-Fotoworkshops, bei denen es ums Fotografieren mit der Kompaktkamera ging. – Wer viel in den Bergen unterwegs ist, kennt ja das Thema: Mit dem Smartphone bekommt man zwar sehr passable Ergebnisse hin, aber ab einem gewissen Punkt erschöpfen sich die Möglichkeiten. Gefragt ist ein helles Objektiv, um ohne Blitz fotografieren zu können, am besten weitestgehend aus der Hand. Dann will man noch ein bisschen Weitwinkel und ein bisschen Tele.

Immer weniger sind wir aber bereit, für diese Funktionen klassische Spiegelreflexkameras mit auf den Berg zu schleppen. Das ist sowohl eine Platz- als auch Gewichtsfrage. Und selbst auf Touren der Kategorie „once in a lifetime“, zum Beispiel bei der Alpenüberquerung von München nach Venedig, lässt man die große Kamera zum Schluss doch häufig einfach eingepackt, denn das ganze Rucksack-Auf-Rucksack-Ab ist viel zu aufwändig.

Die kleinen Kompakten sind da wirklich eine feine Alternative. Schließlich passen sie durchaus in die Jackentasche und sind damit tatsächlich schneller greifbar. Soviel ist klar, allerspätestens nach dem Workshop-Wochenende.

Alles monochrom! – Alles einfach?

Statt auf den Laber oder den Kofel, die Scheinbergspitze oder das Kienjoch zu steigen war für uns also im Foto-Workshop das Herumtüfteln mit der Kamera angesagt. Um es gleich zu sagen: Das mit dem Schwarz-Weiß fand ich gar nicht so einfach.

Das fängt schon beim Blick auf das Display an: Denn wenn die Welt dort plötzlich monochrom ist, dann verlieren sich viele Details, fehlen ordnende, helfende Linien, die in der gewohnten, farbigen Welt ganz selbstverständlich dazugehören. Überhaupt Farben: Ne rote Blüte auf grüner Wiese kann in Farbe durchaus ein Hingucker sein. In Schwarz-Weiß … na ja … da wollen Winkel und Ausschnitt schon einigermaßen gut gewählt sein.

Also hieß es: „Üben, üben, üben“. – Zum Beispiel: Blume von links, Blume von rechts. Blume mit Wiese, Blume mit Berg. Mit dem Tele, aus der Ferne. Und mit dem Weitwinkel, fast in den Blütenstempel kriechend.

Kleine, persönliche Hingucker - Die Ergebnisse unseres Leica-Workshops
Kleine, persönliche Hingucker – Die Ergebnisse unseres Leica-Workshops

Ein großer Teil des Schwarz-Weiß-Workshops war später auch der Bildbesprechung vorbehalten. Und das war richtig spannend; fast noch hilfreicher als das eigene Ausprobieren der Kompakten: Es war toll zu sehen, was der Profi mit wenigen Klicks am Computer mit dem Bildbearbeitungsprogramm aus nahezu jedem x-beliebigen Foto macht. Ein bisschen Kontrast hier, einen Ticken mehr Schärfe dort. Stürzende Linien kurz in die richtige Position gekippt, den Rahmen neu gesetzt … und fertig ist das eine oder andere kleine, ganz persönliche Meisterwerk. – Wenn man vorher die richtigen Kameraeinstellungen samt RAW-Format gewählt hat. Und letztlich gab’s einmal mehr die Einsicht, dass für ein besseres Foto vor allem der Blick geschult werden muss.

Oberammergau (6)

Oberammergauer Opulenz

Außerhalb des Workshops hab ich die Gelegenheit genutzt und bin gleich noch mit der Kamera ausgestattet ein wenig durch Oberammergau gelaufen. An zwei Dingen gibt es ja kein Vorbei, die stechen im ganzen Ort ins Auge: Die vielen Holzschnitzereien in den Schaufenstern.

Und die Lüftlmalerei. Bei der ganzen Farbenpracht der angemalten Fassaden weiß man manchmal gar nicht so recht, wo man hinschauen soll. Deshalb habe ich die Bilder einfach mal monochrom hergenommen – schließlich haben wir auch genau von diesem Reduzieren im Workshop gesprochen. Und so scheint die Opulenz der Häuser irgendwie gleich schlichter. Eingefroren in der Zeit. Und zeitlos zugleich. Oder? Wunderbar! Ich bleib jedenfalls sicher dran am Thema Schwarz-Weiß.

Lüftlmalerei - manchmal dann doch reichlich sinister
Lüftlmalerei – manchmal dann doch reichlich sinister

Lust auf das Intersport Gipfeltreffen bekommen? – Es findet im nächsten Jahr wieder in Oberammergau statt, und zwar vom 21. – 25. Juni 2017.

 

Ammergau Tourismus und Intersport haben meine Reise mit einer Übernachtung und der Möglichkeit zur Kursteilnahme unterstützt. 

 

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