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Buchtipp: Leben in den Alpen

Jeder, der sich über die Landschaft oder das Tourismusziel „Alpen“ hinaus für den Alpenraum interessiert, beschäftigt sich irgendwann auch mit Beiträgen von Werner Bätzing. Als Professor für Kulturgeographie lehrte er bis zu seiner diesjährigen Pensionierung an der Universität Erlangen. Und seit den 1980er Jahren prägt kaum ein anderer so stark wie er die Debatte um die Regionalentwicklung unseres zentralen, europäischen Hochgebirges. Vor allem sein Buch „Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ ist auch bei Laien bekannt.

Zum 65. Geburtstag von Werner Bätzing ist nun das Buch „Leben in den Alpen“ erschienen. Es versteht sich als Festschrift zu diesem Jubiläum. Prominente Experten geben darin Antworten auf wichtige aktuelle Fragen des Alpenraumes: Wie entwickeln sich periphere Gebiete der Alpen, wie die Metropolen? Wie verhalten sich Wirtschaft und Umweltschutz oder Tourismus und Nachhaltigkeit zueinander? Was überhaupt macht die Entwicklung nachhaltig – und damit die verschiedenen Alpenregionen zu Orten des guten Lebens?

Die Beiträge sind unterschiedlich gut zu lesen: Es gibt Artikel, die recht ausgiebig mit statistischem Zahlenmaterial und Quellverweisen arbeiten (müssen) und entsprechend etwas sperrig sind. Andere brechen mit jeglichen Standards wissenschaftlicher Texte, so wie Werner Bätzing es selbst vorgemacht hat: So begleitet der Leser die Co-Autorin Luisa Vogt auf ihrer siebentägigen Trekkingreise durch das Piemont. Entlang ihres Reiseberichtes stellt sie Zusammenhänge rund um die Wettbewerbsfähigkeit von Orten in abgelegenen Alpenregionen dar. Liest man ihren Beitrag, meint man fast, selbst gemeinsam mit der Schülerin von Bätzing durch das Piemont zu wandern. Und lernt Hintergründe kennen, die einem sonst wohl eher verborgen bleiben. In der Festschrift hat selbst eine fiktive Figur, ganz ohne reale Forschungen und Schriften, einen Platz.

Wem, außer Fachleuten, ist das Buch zu empfehlen? – Jedem, der nach Antworten auf die Frage sucht, wie eine nachhaltige Entwicklung in den Alpen aussehen könnte. Und der verstehen will, wo – bereits heute absehbar – langfristig in Sackgassen hinein entwickelt wird. Vor allem auch zu empfehlen für Touristiker und Entscheider in Alpen-Gemeinden.

Aussagen wie die, „dass die ökonomische Bedeutung des Skitourismus [in den bayerischen Alpen] nicht überschätzt werden darf, da nur etwas mehr als ein Drittel aller Übernachtungen auf die Wintersaison entfällt … und bereits heute eine Fokussierung auf nicht-skifahrende Wintergäste besteht“ stimmen beispielsweise in der aktuellen hitzigen Diskussion um die Beschneiung des Skigebiets Sudelfeld bei Bayrischzell einmal mehr nachdenklich: Werden die Investitionen breit gestreut den Bürgern dienen oder werden vor allem Partikularinteressen vertreten, für die sich’s – auch dank Steuergeldern – als Abschreibungsmodell in den nächsten zwei, drei Dekaden rechnet?

Beiträge wie „Natursport in den bayerischen Alpen“ oder „Die Alpen: Wildnis, Disneyland, Sportgerät oder was?“ lassen außerdem daran denken, dass im Alpinen Museum auf der Münchner Praterinsel noch bis zum Frühling 2015 die Ausstellung „Alpen unter Druck“ läuft. Begleitet von Podiumsdiskussionen und Expertengesprächen werden dort einige der Buchthemen auch immer wieder mit angesprochen.

Und rein optisch? – Die Umschlaggestaltung ist sehr wertig und ansprechend. Indes werden sich Haptiker und Ästheten ein wenig an der Innen-Aufmachung des Buches stoßen. Denn das recht raue und feste Papier sowie die durchgängige schwarz-weiß-Gestaltung erinnert schon ein wenig an ein Geographie-Schulbuch aus alten Zeiten.

„Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen“ ist in der ersten Auflage im Haupt Verlag erschienen. Umfang: 302 Seiten. Zu bestel­len im Handel oder direkt beim Verlag für 44,90 Euro. ISBN 978–3-258-07808-3.

Das Buch „Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen“ hat mir der Haupt Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

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