Von Reisen kehrt man mit Allerlei zurück: mit kleinen Andenken, die im besten Fall auch daheim ihren besonderen Zauber nicht verlieren. Mit Fotos. Mit Erinnerungen an besondere Momente oder Gespräche. Manchmal auch mit neuen Wörtern.
„Lügenbank“ ist so ein Wort. Mitgebracht von Schiermonnikoog, der östlichsten der Westfriesischen Inseln. Das einzige Dorf auf Schiermonnikoog trägt denselben Namen; es liegt eingekuschelt hinter den Dünen und einem breiten, langen Strand. In dem kleinen Inseldorf möchte man am liebsten in mindestens jedem zweiten Haus eine private Roomtour machen, so einladend wirken sie von außen. Vor allem die kleinen, alten Backsteinhäuser entzücken: Manche tragen auf den Giebeln so zurückhaltend wie selbstbewusst die Jahreszahlen ihres Baus. 1721 steht in großen und schlanken, geschmiedeten Ziffern auf dem ältesten. Ein paar Häuser weiter findet sich eine 1724.









Vor vielen der alten Häuser in den zwei zentralen Straßen des alten Dorfkerns – Middenstreek und Langenstreek – stehen kleine Holzbänke. Sofort lässt sich vorstellen, wie dort einst ein Fischer nach Hause kam, an der Bank die hohen Gummistiefel abstreifte und sich aus der schweren, nassen und verschmutzten Arbeitskleidung schälte. Oder wie unangekündigter Besuch für einen kleinen Schnack kurzerhand auf der Bank vor dem Haus Platz nahm, während die Hausherrin nur den oberen Teil der Klöntür öffnete. – Mit Sicherheit müssten doch auch diese Bänke einen eigenen Namen haben!
„Leugenbankje“ nennen Einheimischen diese Bänke, erfahre ich. Und eine kurze Erklärung dazu gibt’s selbstverständlich auch gleich dazu: an der Lügenbank – genau genommen sei damit häufiger eine Bank an einem zentralen, öffentlichen Platz gemeint – habe man in Friesland einst vor allem Seeleute sehen können, die gerade ohne Beschäftigung waren oder, allgemeiner gesagt: ältere Männer und andere, die gerade nichts besseres zu tun haben, als einander allerlei Geschichten zu erzählen. Oder aufzutischen – ganz nach Sichtweise.

Laut Wörterbuch der niederländischen Sprache ist der Begriff spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts schriftlich fixiert. Doch ein rein friesisches Phänomen ist die Lügenbank nicht und schon so früh wie im frühen 17. Jahrhundert findet sich in einem niederländischen Gedicht der Begriff „leughen-banck“.
Ob große oder kleine Lügen – der Kern der Geschichte scheint nachvollziehbar: Was auf dem weiten Meer passierten und anderswo (vielleicht nur am anderen Ende des Dorfes), ließ sich oft schwer nachprüfen. Da wurden dann Fische immer größer, Abenteuer immer gewaltiger, kurzum: Seemannsgarn immer unglaublicher. Doch selbst wenn diese Bank einzig dem Klatsch und Tratsch im Ort oder dem Nachbarschaftsplausch in der Abendsonne diente – klar ist: Sie hatte eine wichtige Funktion im lokalen Miteinander.
Über Schiermonnikoog
Schiermonnigkoog liegt nördlich von Groningen – und ist von dort ein beliebtes Ausflugsziel. Die Verbindung zur Insel ist heutzutage einfach: regelmäßig fahren Linienbusse ab dem Groninger Hauptbahnhof (#163, Fahrtdauer ca. eine Stunde) nach Lauwersoog, von dort mit der Fähre in etwa 45 Minuten nach Schiermonnikoog (alternativ: 20 Minuten mit der Schnellfähre).
Das Dorf ausgenommen, ist die ganze Insel seit 1989 Nationalpark. Am besten lässt sich die Insel zu Fuß erkunden oder mit dem Rad. Autos fahren nur Einheimische (hauptsächlich im Dorf); Gäste müssen ihren PKW am Festlandhafen in Lauwersoog zurücklassen oder reisen von vornherein öffentlich an.








Es gibt einige kleine Hotels im Dorf; ansonsten wird man vor allem unter den zahlreichen Ferienwohnungen fündig. Ein Fahrrad lässt sich in mehreren Leihstellen organisieren. Wichtig vor Ort außerdem: im recht gut sortierten Supermarkt kann man sich umfassend versorgen; beim örtlichen Bäcker gibt’s frisches Brot, Brötchen, Waffeln und andere (süße) Leckereien wie köstliches Anisgebäck, Waddenbrok oder Zoetelief Koek, im Käseladen hat man die Qual der Wahl zwischen mehreren auf der Insel produzierten Käsen, ebenso wie solchen vom Festland.


Der breite Strand zieht sich auf schier endlosen Kilometern nordseitig um die Insel. Im Abstand von jeweils einem Kilometer finden sich Strandpfähle aus Holz. Bevor man auf GPS zurückgreifen konnte, halfen diese Pfähle Veränderungen an der Küstenlinie zu erfassen. Heute dienen sie vor allem beim Wandern zur Orientierung vor Ort.













PS: Nach der „Lügenbank“ recherchierend, findet sich auch der auf friesisch getextete „Leugenbankje blues“ – (auf Spotify) reinhören.
