Mit Langlaufski auf der Sumava-Magistrale

Wie ein lauter Paukenschlag nach drei bezaubernd stillen Tagen wirkt der Anblick im böhmischen Bučina auf mich. Denn vollkommen unvorbereitet stehen wir vor einem Stück alten Zaun. Es ist der Zaun, der Europa mehr als vier Jahrzehnte in Ost und West teilte, der Eiserne Vorhang. 

Auf vielleicht 60 Meter schaut der Stacheldrahtzaun abweisend aus dem hoch aufgetürmten Schnee. An einem Ende ein armeegrüner Stahlwachturm, am anderen Ende ein ebenso tarnfarben-matt gestrichener Unterstand für die Grenzsoldaten, mit Glasscheiben nach allen Seiten. Eine Infotafel erklärt das Konstrukt: „Zwei Kilometer vor der Grenze befand sich ein System von drei Stacheldrahtzäunen. Der erste Zaun war zwei Meter hoch. Im mittleren 2,5m hohen Zaun floss eine Hochspannung von 3.000 – 6.000 Volt. Auf diesen sog. Eisernen Vorhang folgte ein letzter Stacheldrahtzaun.“

Beklemmend wirkt dieser Ort auf mich. Wie ein historisches Gegengewicht zu der Leichtigkeit, die uns die letzten drei Tage über die Langlaufloipen des Böhmerwalds getragen hat. Auf seine Art unterbricht er jäh unser Dauergrinsen auf Ski. Unerhört und seltsam richtig scheint das in diesem Moment.  

Bei Bučina: Ehemaliges No Go-Areal an der böhmisch-bayerischen Grenze.

Einige Info zum Skilanglauf im Böhmerwald

Bučina und der Eiserne Vorhang: Zwar musste die Tschechoslowakei wegen zahlreicher internationaler Beschwerden die Hochspannung 1965 abschalten, aber der Eiserne Vorhang blieb bis zum Herbst 1989 bestehen. Das Dorf Bučina, in dem einmal mehr als 300 Menschen wohnten, zog nach dem Zweiten Weltkrieg das gleiche historische Los viele andere Orte unmittelbar an der Grenze: Erst mussten die deutschen Bewohner gehen. Später war das Gebiet entlang der Grenze militärische Sperrzone. Der Kalte Krieg nahm Fahrt auf, Bučina wurde geschliffen. Einzige Überbleibsel in der Wüstung sind eine kleine, restaurierte Hofkapelle und ein ehemaliges Gasthaus, das heute als Hotel betrieben wird.

Sumava Nationalpark (Nationalpark Böhmerwald): Der Sumava Nationalpark ist der größte tschechische Nationalpark. Gemeinsam mit dem angrenzenden Biosphärenreservat und dem Nationalpark Bayerischer Wald bildet er eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Europas. Das Nationalpark-Credo, die Natur sich selbst zu überlassen, führt auch in Tschechien immer wieder zu Kontroversen: Insbesondere rund um die Berggipfel fallen die vielen toten Bäume ins Auge – Stürme setzen dem vor allem aus Fichten bestehenden Wald regelmäßig zu, Borkenkäfer erledigen den Rest. Im Winter zeigt sich das Totholz oft kunstvoll vereist. Ansonsten fallen im Sumava Nationalpark die großen Sumpf- und Moorflächen auf. 

Sumava-Magistrale: Quasi die Hauptschlagader des Böhmerwalds, entlang des Grenzkamms. Im Sommer von Radlern genutzt, im Winter von Langläufern. Die Langlaufloipe führt von Železná Ruda im Nordwesten gute 100 Kilometer bis Zvonková. Wir haben die erste Hälfte unter die Ski genommen, was den Einstieg in Bayerisch-Eisenstein / Železná Ruda bedeutet und den Ausstieg in Bučina / Finsterau, bzw. etwa 54 km und 18 km pro Tag.

Auszuhalten: Rush hour auf der Sumava Magistrale.

Loipennetz: Auch neben der Sumava-Magistrale lässt sich langlaufen bis zum Abwinken. Beliebte Ausgangsorte sind unter anderem Kvilda, Modrava und Srní. Während wir – unter der Woche und bei bis zu Minus 22 Grad Celsius – unterwegs waren, empfanden wir die Loipen als extrem leer. An Wochenenden, vor allem bei angenehmeren Morgentemperaturen kann das durchaus anders aussehen. Übrigens: Im Hochwinter der einzige Unterschied zwischen den Loipen und den Straßen im Böhmerwald ist, dass letztere gestreut sind.

Unterkunft und Verpflegung: Vor allem bei einer Strecken-Skiwanderung im Böhmerwald ist es sinnvoll, im Voraus zu buchen. In Prášily haben wir mit der Pension Brücknerův dům eine mehr als bequeme Unterkunft in einem denkmalgeschützten Haus gefunden. Sehr gut geschmeckt hat das tschechische Abendessen auf der anderen Straßenseite, im Restaurant der Pension U Michala. In Modrava, dem nächsten Etappenziel gibt es eine größere Auswahl an Pensionen, Hotels und Restaurants. Tagsüber, an der Strecke selbst, liegen – zumindest auf diesem ersten Teil – keine Einkehrmöglichkeiten. Also am besten einen heißen Tee in der Thermoskanne, einen Snack und eine (Notfall-)Schokolade mitnehmen.

Karte und Orientierung: Für ein erstes Einlesen ist die Website Bílá Stopa – Weiße Spur im Böhmerwald  hilfreich. Außerdem die spezielle Winterkarte „Sumava – lyžařské trasy“ (Sumava Skirouten) im Maßstab 1:50.000. ISBN 978-80-7393-172-8. Wegweiser gibt es unterwegs in sehr regelmäßigem Abstand. Eine eigene Markierung hat die Sumava-Magistrale derweil nicht. Da auch nicht immer und unbedingt das Tagesziel auf den Wegweisern angegeben ist und tschechische Ortsnamen oft genug die sprichwörtlichen böhmischen Dörfer sind, ist ein genauer Blick vorab in die Karte sehr sinnvoll. Unseren Tourenverlauf kannst du bei Komoot anschauen.

An- und Abreise: Neben der landschaftlichen Wucht ist einer der vielleicht sympathischsten Aspekte dieser Skiwanderung, dass sie sich von Bayern aus einigermaßen unproblematisch mit den Öffentlichen organisieren lässt. Anreise mit dem Zug über Deggendorf und Zwiesel nach Bayerisch-Eisenstein. Direkt am Grenzbahnhof (die Grenze führt mitten durchs Bahnhofsgebäude, in dem sich auch ein Infozentrum des Nationalpark Bayerischer Wald befindet) steigt man auf die Ski und spurt nach Železná Ruda. Statt dort direkt auf der Sumava-Magistrale einzusteigen, lässt sich je nach Bedingungen auch die unregelmäßig gespurte Loipe über den Polom nehmen – der mitunter etwas zähe Aufstieg wird mit einer etwa sechs Kilometer langen, recht gemütlichen Abfahrt belohnt. Am dritten Tag endet die Tour in Finsterau, von wo – Stand Januar 2019: nur einmal am Nachmittag, kurz vor 15 Uhr – ein Bus nach Grafenau fährt, wo man die Waldbahn erreicht.

Ausrüstung: Gerade im Winter ist das Wärmebedürfnis sehr verschieden, weshalb jetzt keine genaue Packliste folgt. Gut beraten ist man mit dem Zwiebelprinzip, idealerweise mit Merinosachen, die sehr warm halten, wenig wiegen und auch im Rucksack kaum Volumen verursachen. Dann noch eine Daunenjacke und eine Hardshell für schlechtes Wetter. Sani-Kit samt Rettungsdecke; außerdem wirkt ein heißer Schluck Tee in manchen Momenten Wunder.

Lesestoff: Der passende Klassiker wäre „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera. Am besten auf dem Handy in der Online-Bibliothek mitnehmen, der Rucksack ist auch ohne 300 Seiten Papier schwer genug.

  1. Wow, da warst du in einer richtigen Winder-Wonder-Landschaft! 🙂 Und das mit so viel geschichtlicher Bedeutung. Danke für deinen ausführlichen Bericht! LG

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