Hui, hutschn

Na-tür-lich! … hätte ich mich bei meinem letzten Besuch in London in der gigantischen Turbinenhalle der Tate Modern auf die Schaukel gesetzt, wäre die Installation „One, two, three, swing“ nicht erst jetzt, im Herbst, zu sehen. Natürlich hätte ich, weil ich das bei solchen auf den ersten Blick ausgefallenen Themen schnell tue, das Internet durchforstet und hätte nebenbei erfahren, dass sich eine Kabinettausstellung des Altonaer Museum in Hamburg vor einigen Jahren ganz der Schaukel gewidmet hat. Natürlich hätte es mich als Kulturwissenschaftlerin auch wenig überrascht zu hören, dass zur gleichen Zeit sogar ein Buch zur Kulturgeschichte des Schaukelns erschienen ist. Schließlich dürfte so ziemlich jedes Phänomen, das uns umgibt, so ziemlich jeder Gegenstand, den wir im Alltag benutzen, irgendwann schon mal kulturwissenschaftlich erst flink zerpflückt und dann wieder akribisch zusammengesetzt worden sein.

All das ist mir schnuppe, während ich an an einem Herbstmorgen an der Marxenhöhe schaukle, einem Aussichtspunkt oberhalb von Berchtesgaden, den ich einfach nur als genial gelegen bezeichnen kann. „Genial“ deshalb, weil sich von hier – super leicht und ganz fix von Maria Gern zu erreichen – ein fabelhafter Blick auf den Watzmann auftut. Und weil dort eben, zumindest für einige Zeit, eine wunderbare Schaukel hängt. Mit einem Sitz aus dickem Eichenholz. Gehalten von starken, roten Seilen, die weit hinauf in die Baumkrone reichen.

Nun wäre Bayern nicht Bayern und die Alpen wären nicht die Alpen, wenn die Schaukel einfach „Schaukel“ hieße. Stattdessen ist’s hier die Hutschn. Ich mag dieses Wort. Selbst ohne dass ich mit dem Wort aufgewachsen bin, klingt es nach Kindheit. Vor allem nach Ferien bei den Großeltern.

Das Archäologische Museum Hamburg fragt in seiner aktuellen Blogparade unter dem Motto „Verloren und wiedergefunden?!“ nach dem ganz persönlichen #Kulturblick. – Nun ja. Verloren? Wiedergefunden? Ich? – Ähm … danke, alles gut hier. Kann nicht klagen.

Öfter mal schaukeln wäre fein. Wieder dieses – manchmal ein wenig verschütt gegangene – Gefühl spüren: Für einen Moment ganz frei zu sein. Sorglos. Bereit zum Sprung – in dem Moment, wo die Schaukel am höchsten und am weitesten nach vorne schwingt. Diesen Schwung mitnehmen – entspannt ins nächste Wochenende, gestärkt ins nächste Arbeitsprojekt. Ganz gleich.

Einzig, ob ich’s wagen kann, „hutschn“ auch als Verb zu nutzen, was mir naheliegend scheint, wüsst ich als Zuagroaste bei aller Schaukel-Euphorie grad nicht. Tät ich’s, dann tat i wohl hutschn. Und denken: I hutsch, oiso bin i. 

Update Frühjahr 2019: Traurig, aber wahr – im Januar haben die Schneemassen dieses außerordentlichen Winters dem Hutschn-Baum auf der Marxenhöhe zugesetzt. Die enorme weiße Last hat die Kiefer, wie viele andere Bäume auch in jenen Wochen, einfach umgehauen. Was bleibt, sind Erinnerungen an einen ziemlich einmaligen Platz und an unwiederbringliche Momente. 

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