Von Hölzchen & Stöckchen

Vom Winde geweht

26. Februar 2017

Eine Alpenüberquerung mit dem Heißluftballon

„… es entwickelt sich eine Chance für eine Alpenüberquerung …“

Als ich nach kurzem Überlegen verstand, was diese SMS bedeutete, war ich wie elektrisiert. Dieses plötzliche Gefühl der Aufregung, bei dem du ganz deutlich das Blut durch deine Adern pumpen spürst. Ist das jetzt wirklich wahr? Es könnte tatsächlich über die Alpen gehen?

Eineinhalb Jahre, zwei Winter hatte ich auf diese Nachricht gewartet. Nach unserer Wanderung von München nach Venedig hatte ich den Wunsch, mir das ganze mal aus der Luft anzuschauen. Nicht aus dem Flugzeug, bei dem immer alle Gipfel viel zu schnell dem Blickfeld entgleiten. Sondern mit Zeit. Bei einer Fahrt mit dem Heißluftballon.  

Als wir keine 48 Stunden nach dieser ersten SMS mit dem Ballon aus der Jachenau abheben, bin ich überwältigt. Ich bin das überhaupt erste Mal mit einem Heißluftballon unterwegs. Und dann gleich das!

Seit den Anfängen der Ballonfahrt hat sich gar nicht so viel geändert, denke ich mir. 1783 gelang es den Brüdern Montgolfier, den ersten Ballon aufsteigen zu lassen. „Ballonfahren stand für Freiheit – doch diese Freiheit war der Macht von Wind und Wetter unterworfen“, schreibt Julian Barnes in seinem Buch Lebensstufen. Vielleicht macht dieses Nicht-wirklich-beeinflussen-Können auch heute noch ein Stück der Faszination Ballonfahren aus, um so mehr bei einer Alpenüberquerung:

Denn nur an wenigen Tagen im Jahr gibt es überhaupt die Möglichkeit, diese Unternehmung in Angriff zu nehmen. Es muss eine ganz besondere Wetterkonstellation herrschen, eine Nordföhnlage, die nur im Winterhalbjahr auftritt: Auf der Alpennordseite herrscht dann schlechtes Wetter mit Stau-Bewölkung, auf der Alpensüdseite hat man aufgelockerte Verhältnisse. Windrichtung, Windgeschwindigkeit – einfach alles muss passen. Wer das erleben möchte, muss geduldig sein.

Während die letzten Regentropfen an diesem Vormittag abzogen, hatten wir unseren Start vorbereitet: Korb zurechtlegen. Ballon ausrollen und mit Luft füllen. Luft aufheizen und den Ballon allmählich in die Startposition steigen lassen, ohne dass der Korb vom Boden abhebt. Einsteigen.

Hier und da blitzte zaghaft blauer Himmel durch die Wolken. Mit genau der richtigen Prise Wind sollten wir nun über den Alpenhauptkamm gelangen.

Nach Italien. Mit Hindernissen.

Aus den bayerischen Alpen kommend, landet man, je nach Windverhältnissen, meist irgendwo zwischen Venedig und dem Gardasee. Wo genau, das weiß nur der Wind. Er allein entscheidet, wie es den Ballon über die Berge weht. Einzig durch das geschickte Manövrieren des Piloten, durch Aufsteigen oder Sich-Absinken-Lassen und durch das Nutzen unterschiedlicher Windströmungen, lässt sich der Weg des Ballons beeinflussen.

Genau das sollen wir nun brauchen: „Die Österreicher haben gerade das Schießgebiet aktiv …“, erreicht uns die Information der Luftüberwachung. Wir hatten das Inntal erreicht und trieben direkt auf den Truppenübungsplatz Lizum zu, ein rund 50 Quadratkilometer großes Militärgebiet in den Tuxer Alpen. Einen Funkspruch später ist klar: Vor uns würde scharf geschossen, das Schießen würde für uns nicht eingestellt. Na sauber!

„Wenn Sie einen Wind bekommen können, der sie vom Gefahrengebiet wegdriftet, wäre das gut …“, heißt es vom Boden. – Gehört, getan: die Sauerstoffzufuhr angelegt und bis auf 5.500 Meter aufgestiegen, den passenden Wind genommen. Kurze Zeit später ein „Wir sind vorbei“ von unserem Piloten Günther, der bereits mehr als 30 Jahre Ballonfahrt-Erfahrung gesammelt und unzählige Alpenüberquerungen absolviert hat. Ballonfahren ist Vertrauenssache.

La dolce vita

Als wir später westlich des Brennerpasses den Alpenhauptkamm passieren, verlieren wir spürbar an Fahrt. Gemütlich gondeln wir über Bozen hinweg und an Trento vorbei, immer gen Süden. Genügend Zeit, um auf der einen Seite ein wenig in die Dolomiten, auf der anderen Seite tief in die Westalpen hineinzuschauen. Zeit um die Ruhe des Dahingleitens zu genießen – bis unser Pilot ein nächstes Mal den Brenner betätigt, dieser laut loszischt und unser Ballon wieder ein wenig an Höhe gewinnt.

Nochmals später, südlich von Trento, als wir über den Pasubio gleiten, bin ich fasziniert: Auch unter dem Schnee sind ganz deutlich die Wege zu erkennen, die während des wahnwitzigen Stellungskriegs vor 100 Jahren dort angelegt und ausgebaut wurden und dessen Spuren man heute auf dem Sentiero della Pace folgen kann.

Über dem Pasubio

Die Berge werden bald von der Po-Ebene abgelöst. Nahe Verona scheint es für einen Moment, als würden wir direkt neben dem Wasserschloss von Zevio landen. Wäre da nicht der Wind, der uns noch eine Stunde lang hierhin und dahin weht, bevor wir zwischen Weinfeldern und Strommasten ein Landeplätzchen am Dorfrand von Colognola ai Colli finden.

Innerhalb weniger Minuten scheint das halbe Dorf zusammengekommen, Kinder winken uns freudig zu. Aus den Weinreben ein paar Meter neben unserer Landewiese kommt ein Bauer und begrüßt uns freundlich. Als er hört, dass wir mit dem Ballon aus Deutschland gekommen seien, zückt er sein Smartphone und bittet darum, ein Foto machen zu dürfen. Aber gerne doch, dieser Tag ist schließlich für alle hier außergewöhnlich.

 

 

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