Voller Energie wuselt ein schwarz-weißer Border Colli am Ende des Bergsteigs herum, den ich mich, kurz vor Ende eines langen, heißen Wandertags, hinaufschleppe. Wo ich denn herkomme, will oben die schwer mit einem großen Rucksack beladene Frau wissen. „Von unten“, sage ich und zeige ins Tal. Nein, eine Brücke sei dort nicht kaputt, versichere ich ihr. Zumindest nicht dort, wo ich entlanggelaufen bin. Aber wo genau sie denn hinwolle. „Nach Santiago de Compostela“.
Nach einem gemeinsamen Blick in die Karte ihres Smartphones scheint es, dass ihr nächstes Etappenziel wohl am einfachsten über den Caumasee zu erreichen wäre. Da auch ich noch in den See springen will, laufen wir kurzerhand gemeinsam. Ich erfahre, dass Nicole gemeinsam mit ihrer vierbeinigen Begleiterin Jessi jetzt den vierten Tag auf ihrer Wanderung nach Spanien unterwegs ist, vier Monate hat sie insgesamt eingeplant. Als sich unsere Wege nach nur einem Kilometer wieder trenne, wünsche ich ihr viel Glück für die Wanderung.
Gut und gerne 2.400 Kilometer dürften es bis nach Galicien sein, überlege ich im Weitergehen. Der Rhein, an dem ich heute unterwegs war, kommt auf gut 1.200 Kilometer. Das Äquivalent wäre dann also einmal zur Mündung und zurück …
Schon am Morgen, als ich von der Aussichtsplattform il spir von oben in die Rheinschlucht schaute, hatte ich versucht, diese Ausmaße des Rheins zu fassen. Des Flusses, der sich auf seinem Weg durch halb Europa schlängelt. Von der Quelle – genau genommen gibt es mehrere, offiziell gilt die Gegend um den Tomasee, sechs Tagesmärsche flussaufwärts als Ursprungsort des Rheins – in Graubünden braucht das Rheinwasser dabei etwa einen Monat, bis es bei Rotterdam in die Nordsee mündet.
Von der Aussichtsplattform, die der Gestalt eines Mauerseglers nachempfunden ist, wirkte die Rheinschlucht auf mich wie ein Miniatur Wunderland: Klitzeklein ein roter Zug der Rhätischen Bahn, der sich gleich neben dem Fluss durch die hohen, hellen, bis mehr als dreihundert Meter steil abfallenden Schuttklippen schlängelt.
Was für eine spektakuläre Landschaft! Entstanden ist sie, nachdem sich die eiszeitlichen Gletscher zurückgezogen hatten und es vor mehr als 9000 Jahren zu einem gewaltigen Bergsturz kam, bei dem das Tal verschüttet wurde. Mit der Zeit arbeitete sich das Wasser seinen Weg durch die lockeren Schuttmassen und die Rheinschlucht war geformt.



Während der schrille Pfiff eines Murmeltiers von den gegenüberliegenden Bergen über die Schlucht bis zu mir dringt, schaue ich gedankenversunken nach unten. Die Landschaftslinien streben steil aufs Tal zu. Schaut man nur lang genug, scheint es noch immer alles erbarmungslos in die Tiefe zu saugen.
Das wäre der perfekte Platz, um einen nächsten Graubünden-Krimi beginnen zu lassen. Wobei, sicher gibt’s den längst, viel zu naheliegend ist diese Idee: Gespickt mit Lokalkolorit und Halbsätzen, die verdeutlichen, dass die Autorin bis ins kleinste Detail vor Ort recherchiert hat und auch das abseitige Weglein kennt, das durch kniehohe Farne, taunasse Gräser und fragile Grasnelken immer an der Abbruchkante entlangläuft und dann auf die Lichtung mit einer Wiese führt, die in der Karte den Namen „Er Davos“ trägt.
Der Protagonist würde, vor etwas – für die Lesenden noch Vagem – flüchtend den Weg hinunterstolpern, dabei die über Nacht gewebten und über den Weg gehängten, feinen Spinnenfäden zerreißen. Während er davonliefe, würde er zu allem Überfluss seine Brille verlieren, dann aber trotz allem das rote Dach eines Häuschens zwischen dem Grün entdecken, dorthin rennen, angstvoll und lautstark mit der Faust an die Tür klopfen. Eine junge Frau würde öffnen, ihr Gesicht so freundlich wie fragend. – Gerettet fürs Erste!
Während des Abstiegs in die Schucht faszinieren mich die Waldföhren, die am Hang und auch oben auf dem schmalen Grat eines der hoch in die Luft balancierenden Gesteinszacken stehen. Nur eine dünne Humusschicht bedeckt die hellen Felsen, darauf haben die Föhren wieder Fuß gefasst über Generationen. Oder sind ihre Vorfahren beim Bergsturz ganz und gar standhaft geblieben und einfach mitsamt dem Berg etliche Alpin-Etagen tiefer gerutscht? Die Stämme der Föhren, vor allem aber die Äste wirken dunkel, schwarz, fast schon verkohlt. Die trockene Hitze steht im Hang.
Ganz anders unten im Tal, wo im Auwald die Wärme feucht-dampfig drückt. Große Kiesbänke säumen den Fluss, auf ihnen brüten im Frühling bedrohte Vögel wie der Flussuferläufer und der Flussregenpfeifer. Der Wanderweg führt mal direkt am Fluss entlang, dann wieder ein paar Meter einen Hang hinauf. Ständig verändern sich die Perspektiven; immer wieder halte ich an, setze mich einen Moment auf eine der Bänke, schaue, begeistere mich an der Landschaft.



Der Fluss rauscht schnell durch die kurvenreiche Schlucht, immer wieder trägt er Kanu- und Rafting-Gruppen auf seinen Wellen. Schneller und lauter rauscht nur der nächste Zug heran. Auf der eingleisigen Strecke, die seit mehr als 120 Jahren durch die Rheinschlucht führt, ist einiges los. Neben manch einem Güterzug und der regulären Regionalbahn schlängelt sich auch ein historischer Zug mit vier Pullmanwagen durch die Schlucht, ebenso wie der moderne Glacier Express mit seinen großen Panoramascheiben.
Am nächsten Tag werde auch ich in Ilanz in einen der Regionalzüge steigen und auf meinem Weg nach Chur die Rheinschlucht durchfahren. Ich werde sehen, welch wunderbares Panorama sich auch von der Bahn aus bietet. Gleichzeitig werde ich feststellen, dass dieser kurze Moment, in dem die Landschaft draußen an den Scheiben vorbeihuscht nicht zu vergleichen ist mit einem Tag, den man wandernd hier verbringt. Und ich gebe dem Vorderrhein mein stilles Versprechen, schnellstmöglich zurückzukommen, um ihn zu Fuß ab der Quelle eine Woche lang zu begleiten.





Extra Infos
Bei vielen Einheimischen heißt die Rheinschlucht zwischen Ilanz und Reichenau „Ruinaulta“ – ein rätoromanisches Wort, das sich zusammengesetzt aus den Begriffen „ruina“ (Geröllhalse/Steinbruch) und „aulta“ (hoch). Rätoromanisch ist neben Deutsch, Französisch und Italienisch die vierte Landesprache in der Schweiz. Gesprochen wird „il rumantsch“, das Rumantsch, hauptsächlich im Kanton Graubünden; insgesamt etwa 40.000 Menschen in der Schweiz bezeichnen es als ihre Hauptsprache.
In sechs Tagesetappen geht es von der Rheinquelle bis nach Reichenau, wo der Vorderrhein auf den Hinterrhein trifft:
Start: Tomasee
Ziel: Reichenau
Länge: Die Wanderung entlang des Vorderrhein führt über etwa 85 Kilometer von der Quelle bis zum Zusammenfluss mit dem Hinterrhein.
An- und Abreise: Unkompliziert mit der Bahn bis zum Oberalppass; Rückfahrt ab Reichenau.
Beste Jahreszeit: Sommerhalbjahr – je nach Schneelage von Juni bis Oktober
Übernachten: 1. Nacht in der Badushütte (SAC), danach private zahlreiche private Unterkünfte im Tal
Ausrüstung: Wanderschuhe mit gutem Profil, wetterangepasste Kleidung, Verpflegung und Getränk, evt. Wanderstöcke.
Karten und Apps: Topografische Karte von SwissTopo im Maßstab 1:25.000, alternativ Online-Helfer wie die SAC- oder SwissTopo-App.
Der Artikel ist ursprünglich im Buch „Legendäre Wanderungen in den Alpen“ im Verlag Lonely Planet erschienen.
