Bergsofa

„Kann man sich in der Natur fremd fühlen?“

„Zum ersten Mal hörte ich das Wort «Wandern» im Jahr 2002 … in der Schweiz … Es war für mich unbegreiflich zu hören, dass die Leute in der Schweiz einfach so zu Fuß gehen – in den Wäldern, Bergen, Tälern, auf schwierigen Wegen, um einfach nur zu wandern.“ 

Mit diesen Gedanken beginnt das Buch „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ von Usama Al Shahmani. Nachdem er ein regimekritisches Theaterstück geschrieben hatte und aus dem Irak fliehen musste, ist er gerade in die Schweiz gekommen. Er versucht anzukommen.  

Als er nun also das Wort „wandern“ hört, weiß er zunächst gar nicht richtig, was damit gemeint ist. Und fragt, ob das ein Sport oder ein Hobby sei. Ein vergleichbares Wort findet er in seiner Muttersprache, im Arabischen nicht. „Wir wandern nicht. Wir gehen, laufen, spazieren und bummeln. Das sind die alltäglichen Dinge … Aber wandern, das können wir nicht.“ 

Das Buch, das mit dieser Anekdote leichtfüßig beginnt, erzählt die persönliche Geschichte des Exils in der Schweiz – und ist ebenso der persönliche Blick in den Irak und den Verwandten. Der bange Blick auf sein Geburtsland, in dem Menschen am helllichten Tage verschwinden. In dem sich Familien mitunter glücklich schätzen, wenn sie ihre Angehörigen im Leichenschauhaus finden. Statt weiter im Ungewissen über deren Verbleib zu sein. 

Die Natur in der Schweiz, vor allem der Wald, wird in jener Zeit zu einem wichtigen Ort für den Autor. Denn dort beruhigen sich seine Gedanken. Dort spricht er mit den Bäumen, laut und arabisch. – Aus einzelnen Worten werden ausführliche Gespräche mit den Bäumen, die ihm ein Spiegel sind und die ihn dadurch sich selbst besser verstehen lassen. Und auch das Wandern lernt er zu schätzen. So verspürt er auf dem Gipfel des Säntis „etwas Unbeschreibliches, eine Art Sorglosigkeit“, die er vorher nicht gekannt hatte. 

Nachdem ich das Buch ausgelesen habe, beschäftigt es mich lange. Mit seinen kaum 200 Seiten ist es wie die schwere, sonnengegerbte Holztür einer Hütte, die einen Spalt offen steht: Im Gegenlicht tanzt der Staub, während sich draußen die Geschichte entfaltet, der man still lauscht.

Ich bin dankbar. Dankbar, durch diesen Türspalt blicken und diese sehr persönliche Geschichte lesen zu dürfen. Dankbar um die Freiheit der Kunst, die Artikel 5 im Grundgesetz ebenso schützt, wie die von Medien, Wissenschaft, Forschung und Lehre. – Freiheiten, die Schutz brauchen. Auch, um uns immer wieder selbst verorten zu können in einer dauererregten Welt. 

Usama Al Shahmani: In der Fremde sprechen die Bäume arabisch. Limmat Verlag, 2018

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