Bergsofa

„Glück war ein Pluralwort“

Bergsofa

„Die frühe Sonne sickerte durch die Blätter, die nun aufglänzten in ihrer noch nächtlichen Feuchtigkeit.“ – Das japanische Komorebi fällt da ein. Und mit ihm beginnt die Wanderung von Alva auf den Calanda, östlichster Ausläufer und Abschluss der Glarner Berge. Und Hausberg von Chur. 

Alva – zu alt, um als jung zu gelten, aber auch viel zu jung, um zu den Alten zu zählen – war schon etliche Male am Gipfel. Doch nun ist es das erste – und wohl auch letzte Mal, seit sie die Diagnose ALS erhalten hat. In dieser Situation, konfrontiert mit einer unheilbaren Krankheit, in deren Fortschreiten die motorischen Nervenzellen allmählich absterben, was ihre Muskeln schwinden und ihren Körper lähmen wird, sucht sie nach einer Antwort auf die Frage, wie und vor allem: ob sie nun weitermachen soll. 

Die an und für sich kleine Geschichte auf kaum 160 Seiten empfinde ich als großen Wurf: Sie vollbringt das Kunststück, unterschiedlichste Themen scheinbar mühelos miteinander zu verweben. Von der Frage der individuellen Lebensgestaltung – mit leiblichen oder nicht-eigenen Kindern oder ohne; mit Mann, Frau oder beiden? Über Vertreibung und Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg. Bis hin zur Rückkehr der Wölfe in die Schweizer Alpen und den Klimawandel samt seiner Auswirkungen auf die Berge. 

Das Büchlein trägt eine ganz eigene Erzählstimme in sich, so sanft und dabei so klar. Immer wieder markiere ich mir Stellen im Buch, die ganz beiläufig philosophisch wirken. „Man weiß nicht immer, was man weiß“, heißt es da mal. Während gleich daneben unser soziales Miteinander zur Diskussion steht: „Es ist doch oft wie in einem Eisenbahnabteil. Da sitzen völlig fremde Menschen zufällig nebeneinander, sich gegenüber. Aber wehe, es will noch einer zusteigen! Plötzlich sind sie eine Gruppe, und der, der neu hereinkommt, ist der Fremde, der nicht dazugehört.“ Ob man „nicht immer aus seinem eigenen Echoraum heraus“ reagiere, stellt sich zwischen all dem Alva die Frage. Und damit auch uns Lesenden. 

Dann sind da noch diese feinen Beobachtungen, ein Sich-Einlassen auf Details und sie akribisch umschreiben. So entfernte sich Alva zu Beginn ihrer Wanderung rasch „vom Klangband der Autobahn“. Später, schon bald am Gipfel, „spielte der Nebel mit ihr, mit der Landschaft. Er strich die Hügel hinauf, überfloss das Grün, überfloss das erste Grau von Geröllfeldern.“ 

„Glück war ein Pluralwort“, heißt es in der Geschichte noch. – Ein Glück unter anderen ist, dass es dieses Buch gibt. Ein weiteres, es gelesen zu haben. 

Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand Literaturverlag, 2026.

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