… let it flow. – Mehrere Tage am Stück ganz entspannt skiwandern? Bei einer Langlauftour im Engadin sind fantastische Loipen mit zauberhaften Aussichten garniert.     

Müsste ich die Jahreszeit nennen, die ich besonders mag, würde ich den Winter wählen. Natürlich: Immer Winter ist auch für mich undenkbar. Und doch hat mich diese Jahreszeit schon so lange ich denken kann mehr als alle anderen begeistert und fasziniert:

So liebte ich als Kind den morgendlichen Moment, wenn ich an einem Wintersonntag gleich nach dem Wachwerden in meinem Zimmer die Gardine zur Seite schob. Mit dem Wissen, dass nichts dagegenspräche, mich sogleich wieder hinzulegen, die Bettdecke erneut bis zur Nasenspitze zu ziehen und kleine Ewigkeiten einzig den Flocken zuzuschauen, die auf der anderen Seite des Fensterglases und vor dem alten Kiefernwäldchen zu Boden gingen. Am liebsten hatte ich es, wenn es dabei windstill war und die Flocken tänzelten statt tobten. Auf geheimnisvolle Art und Weise dehnten sich Raum und Zeit, nur noch weißer Zauber war der Tag. Er hatte innegehalten und ich mit ihm, einfach gebannt schauend. 

Innehalten! Einen kurzen Moment denke ich an dieses Wort, als ich viele Winter später am Silsersee die Langlaufski von den Schuhen löse, um mir gemeinsam mit meiner Freundin Ute eine Pause am Ufer der Halbinsel Chastè zu gönnen. 

Wir waren ins Oberengadin gekommen, um ein paar Tage den Winter zu genießen. Ein Winter, der sich hier noch immer einigermaßen zuverlässig und ausgiebig in weißem Mantel präsentiert und wie er vielerorts sonst nur noch mit einigem Glück zu erleben ist. Meine Erwartungen, zumindest aber Hoffnungen vor der Abreise ins Engadin waren entsprechend hoch. 

Gewissermaßen die drei hiesigen Hauptzutaten für die gelungene Winter-Rezeptur: wenig Wind, die günstige Höhenlage und kontinentales Klima mit kalter, trockener Luft. Und schwuppdiwupp, stehen die Chancen gut auf wunderbarsten Pulverschnee, der sich auf die Berge – unter ihnen etliche Dreitausender – legt. Genauso wie auf den Talboden. 

Wobei dort, wo wir uns gerade bewegen, das mit dem Begriff „Boden“ so eine Sache ist: Gleich nach dem Frühstück hatte der Postbus uns und andere Langlaufbegeisterte nach Maloja und damit auf etwa 1800 Meter Höhe gefahren. Die Morgenluft war blau-kalt und schattig; sie biss sich in kürzester Zeit durch meine dünnen Handschuhe zu meinen Fingerspitzen und zwackte durch die Langlaufhose an meinen Oberschenkeln. Unter anderen Umständen hätte ich mich sicher noch ein wenig länger in dem kleinen Bergdorf umgeschaut, das namensgebend für den nahen Pass und den Talwind der Gegend ist. 

So aber waren die Prioritäten anders gesetzt, es hieß warm werden. Also ein paar erste Meter einen Hügel hinunter- und vom Ort herausgeglitten. Und schon lag vor uns eine perfekt gespurte Loipe, so flach, als sei die Welt eine Scheibe. Ohne große Anstrengung ließen wir unsere Ski ein paar erste Meter in den zwei Doppelspuren surren. Tsss, tsss, tsss, tsss. Links, rechts, links, rechts. Einatmen, ausatmen. Tsss, tsss, tsss, tsss … als hätte die Sonne nur auf dieses Surren als Signal gewartet, stieg auch sie hinter dem hohen Bergkamm zu unserer Rechten hervor. Erst ganz sanft, wobei sie die in Raureif gemantelten Lärchen glitzern und funkeln ließ. Und alsbald mit all der wärmenden Kraft, über die sie Anfang Februar bereits verfügt.    

War ich einen Tag zuvor noch im Arbeitsalltag, war ich jetzt mitten in einem wahrgewordenen Wintertraum. Tsss, tsss, tsss, tsss … surrte es weiter in meinen Ohren. Bald war ich im Flow. Das Hochgefühl ließ mich innerlich schweben. Wirklich Boden unter den Füßen hatten wir schon eine ganze Weile nicht mehr. Denn der Schnee verdeckt hier nicht etwa eine besonders ebene Talwiese, sondern den Silsersee. Sind die Tage kalt genug und auch noch windstill, friert der Lej da Segl, wie er auf rätoromanisch heißt, recht zügig zu.   

Später, während unserer Pause an der Halbinsel Chastè am anderen Ende des Sees, schweift mein Blick zurück über die blendend weiße Ebene. Das südliche Blau des Himmels überstrahlt die Berge und das gesamte Hochtal. 

Was begeistert mich gerade mehr? – Der tiefblaue Himmel oder die herrliche Landschaft ringsum? Die „emailleartige Frische“ aller Farben hätte Hermann Hesse wohl in so einem Moment betont. Über Jahre war der Schriftsteller, ebenso wie viele andere prominente Gäste, immer wieder ins Engadin gekommen. Er hatte sich im Dörfchen Sils Maria im Hotel Waldhaus, das auf einem Felsen über dem Dorf liegt, einquartiert. Deutlich bescheidener, nahezu asketisch, verbrachte vor ihm philosophierend und pausierend Friedrich Nietzsche mehrere Sommer in einer kleinen Wohnung im Dorf, das Haus ist heute ein Museum. 

Gemächlich schieben wir uns später an Sils vorbei. Ebenso wie fast an St. Moritz. Doch da meldet sich tatsächlich ein kleiner Mittagshunger, er lockt uns am Rande des Jetset-Hotspots und direkt an der Loipe auf eine Sonnenterrasse. Nur zu gerne respektieren wir dem Wunsch unserer Mägen.    

Gut so, denn schon bald nach dem Päuschen ändert sich das Gelände spürbar: Die Loipe wird schmaler und schlängelt in den Zirbenwald hinein, bald geht es nun auch auf und ab. Immer wieder bleiben wir auch stehen, machen Fotos, wie am Stazersee. Auch er lässt sich unter dem Schnee nur erahnen, doch die Umgebung gibt sich idyllisch und freudig genießen wir unser Hier-Sein.  

Wir lassen uns weiter viel Zeit und die Sonne senkt sich schon wieder dem Spätnachmittag entgegen, als wir zum Bahnhof Pontresina gleiten. Etwas abseits des Haupttals liegt der Ort diskret am Hang. Von hier sind es keine zwanzig Kilometer hinauf zum Berninapass; in einer halben Stunde kurvt der Zug dorthin hinauf und damit an den Fuß des Piz Bernina, der höchste Gipfel Graubündens und der einzige Viertausender der Ostalpen. 

Wir indes kurven heute einzig noch ein paar letzte Meter auf Ski und zu unserem Hotel. Ich schaue in den Himmel, der sich beständig blitzblankblau über uns wölbt. Und ich freue mich schon heute auf morgen. Wieder in der Loipe. 

Der Artikel ist ursprünglich im Buch „Legendäre Wanderungen in den Alpen“ im Verlag Lonely Planet erschienen.

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