Über Land

Über europäische Geschichte nachdenken

3. Mai 2018

Im Kloster Bánfalva in Sopron 

Wo die östlichsten Ausläufer der Alpen in die Ebene der Puszta übergehen, liegt Sopron. In die westungarische Stadt hatte mich im Sommer 2017 etwas verschlagen, was man „Leben“, „Zufall“ oder „Interesse“ nennen kann. – Ganz nach Lesart.  

„Leben“, denn die Zeit nach einer Recherchereise, zu der ich als Bloggerin ins Burgenland eingeladen war, wollte ich nutzen, um mich noch ein wenig ausführlicher entlang der österreichisch-ungarischen Grenze umzuschauen. Wenn ich schon mal da war. 

„Zufall“, denn die Idee, noch eine Nacht im Südwesten des Neusiedler Sees dranzuhängen, kam mir viel zu spontan und die letzten, noch verfügbaren Unterkünfte auf österreichischer Seite hatten kaum noch ein … nennen wir es: subjektiv angemessenes Preis-Komfort-Verhältnis. Stattdessen spuckte mir meine Online-Suche eine verlockende Übernachtungsmöglichkeit im Kloster Bánfalva in Sopron aus. 

„Interesse“, denn nur wenige Kilometer von Sopron entfernt fand im Sommer 1989 das Paneuropäische Picknick statt. – Eine Veranstaltung, mit der der Fall des Eisernen Vorhangs entscheidend eingeleitet wurde und die einen wahrscheinlich gar nicht kalt lassen kann, wenn man in der DDR aufgewachsen ist und damals schon alt genug war, die Veränderungen bewusst mitzuerleben.  

Eine Nacht im Kloster

An die Nacht im Kloster denke ich gerne zurück, denn in außergewöhnlichen, historischen Gemäuern zu übernachten hat ja seinen ganz eigenen Reiz. So auch im Kloster in Sopron:

Die Anfahrt führt bergan durch eine Wohngegend. Fast möchte man dem Navi misstrauen. Doch es geht tatsächlich weiter und weiter in die immer enger und einfacher werdenden Straßen. Am Ende der Straße, auf der bewaldeten Bergkuppe angekommen dann ein massives Kirchenportal. Rechts daneben, ganz unscheinbar, ein Türchen, das ich in Ermangelung anderer Eingangs-Pforten alsbald vorsichtig öffne. Und siehe da: Die Rezeption und hinter einer weiteren, schweren Tür der Blick in die Bogengänge und in den Innenhof des Klosters. Alles akkurat renoviert und in Schuss. 

Das Kloster, das heute offiziell Sopronbánfalvi Kolostor Hotel heißt und in einem Außenbezirk von Sopron, liegt, ist ein ehemaliges Pauliner-Karmeliten-Kloster. Das 1482 gegründeten Klosters war anfangs von Mönchen bewohnt, später von Nonnen. Zwischendurch, während der Türkenherrschaft, wurde das Gebäude größtenteils zerstört, später wieder aufgebaut. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs diente das Kloster als Sozialheim, mit der Wende war es in einem ziemlich desolaten Zustand und wurde 2004 von einem ungarischen Kunstmäzen gekauft und über sechs Jahre aufwändig restauriert. 

Nun also ist das Kloster ein Hotel. Historische Gebäude machen mich schnell etwas andächtig. Hier also zum Beispiel beim Essen: gegessen wird im einstigen Refektorium; in dem klösterlichen Speisesaal schweift mein Blick immer wieder auf die aufwändige und doch zurückhaltende Deckenverzierung.  

Das Wunderbare: Das Kloster ist auch öffentlich zugänglich. Mit einem Audioguide kann man eine Tour durch das Kloster machen und wird vom Kreuzgang bis unters Dach geführt. Vorbei an ehemaligen Klausurräumen, hinauf und hinunter über abgewetzte Treppen, in die Bibliothek und in loungeartige Gemeinschafträume, in denen sich sicher auch ordentlich meditieren ließe, wenn man wollte.  

Wobei: Still und in sich gekehrt fühlt man sich schon im ersten Augenblick, bei Betreten des Klosters. Auch das ist immer wieder faszinierend für mich: Betritt ein Kloster und lass den Welttrubel hinter dir. Angenehm auf die Höhe getrieben wird dieses Gefühl in Sopron bei der Übernachtung: In den Zimmern, ehemaligen Mönchszellen, findet sich weder W-LAN noch ein Fernseher. Statt dessen also Zeit, um über den Tag nachzudenken.  

Diese Zeit in der Zelle, einem mit viel Fingerspitzengefühl hergerichteten Einzelzimmer, kommt mir ganz recht. Denn tags waren wir zunächst auf aufgewellten Nebenstraßen rund um den Südzipfel des Neusiedler Sees und sodann zur ungarisch-österreichischen Grenze unterwegs – um in die europäische Geschichte zu reisen: 

Sopron … in the summer of ’89

Im Sommer 1989 lud die ungarische Opposition gemeinsam mit der Paneuropa-Union zum Paneuropäischen Picknick, während dessen es – mit behördlicher Genehmigung – für drei Stunden einen improvisierten Grenzübergang geben sollte. Mit diesem Picknick sollte getestet werden, wie die Sowjetunion auf das kurzzeitige Öffnen des Eisernen Vorhangs reagieren und ob sie die in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen zum Eingreifen auffordern würden. Die Initiatoren verteilten tausende Flugblätter mit Infos zur Veranstaltung und zehn- bis zwölftausend Menschen, so die Schätzungen, folgten am 19. August 1989 der Einladung – sie hörten Reden und machten Picknick. 

Auch DDR-Bürger, die in Ungarn waren, hatten von dem Paneuropäischen Picknick erfahren und es passierte etwas wohl Ungeplantes, wenn auch nicht gänzlich Unvorhersehbares: Knapp 700 Menschen drückten in mehreren Wellen das Grenztor nach Österreich auf. Weder die ungarischen noch die österreichischen Grenzer schritten ein. Damit war zum ersten Mal eine Massenflucht durch die einst scharf gesicherte Grenze zwischen Ost und West geglückt. Der Rest ist Geschichte: Zehntausende Ostdeutsche machten sich auf den Weg nach Ungarn, weitere hundert Fluchten pro Tag glückten. Am 11. September 1989 öffnete Ungarn seine Grenze für DDR-Bürger, im Herbst kam der komplette Eiserne Vorhang zu Fall. 

Das Paneuropäische Picknick gilt heute als wichtiger Meilenstein für den Niedergang des Eisernen Vorhangs. 

Als ich über die große Wiese an der Grenze streife, fließen mir trotz hochsommerlicher Hitze immer wieder Kälteschauer durch den Körper. Denn auf dieser Wiese wurde europäische Geschichte geschrieben.

Ohne diesen Gang der Geschichte wäre wohl auch die ehemalige Mönchszelle, in der ich abends erschöpft von der sommerlichen Hitze und von den Eindrücken des Tages einschlafe, nicht so wunderbar instand gesetzt.     

 

Weitere Details zum Paneuropäischen Picknick: 

„Der erste Stein“ – Beitrag im Spiegel vom 22.05.2009.  

„Der 19. August 1989 war ein Test Gorbatschows“ – Beitrag in der FAZ vom 19.08.2009.

Wikipedia-Eintrag zum Paneuropäischen Picknick.

 

Der Verein “Schlösser und Gärten in Deutschland e.V.” fragt in seiner aktuellen Blogparade (noch bis zum 5. Juni 2018) unter dem Hashtag #SchlossGenuss nach dem ganz persönlichen Blick auf Schlösser, Burgen, Klöster und historische Gärten. 

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13 Kommentare

  • Reply Tanja Praske 3. Mai 2018

    Liebe Nadine,

    Jubel – so klasse, dein #SchlossGenuss – wow, und das wo im Juni das #EuropaPicknick von Schlössern und Gärten in Deutschland e. V. stattfindet mit dem europäischen #PalaceDay am 23.6.

    Ja, das Paneuropäische Picknick hat da historisch eine ganz andere Qualität. Merci für die bildreiche und historische Erinnerung daran!

    Ja, die Ironblogger München sind einfach klasse, du bist mit Matthias die 2. und der 3. Beitrag zum #SchlossGenuss!

    Merci beaucoup dafür! Ich bin restlos begeistert!

    Herzlich,
    Tanja

    • Nadine
      Reply Nadine 3. Mai 2018

      Liebe Tanja, das Thema, das ihr für die Blogparade ausgeheckt habt, ist wirklich gelungen und lässt viel Spielraum. Das Paneuropäische Picknick und Sopron hatte ich für den Blog schon seit dem letzten Jahr im Kopf – und jetzt passte es einfach irgendwie perfekt. 🙂
      Viel Erfolg in den nächsten Wochen mit #SchlossGenuss – ich bin gespannt auf die Bandbreite der Beiträge.
      Einen schönen Abend, Nadine

  • Reply Andrea Hahn 3. Mai 2018

    Liebe Nadine,

    ganz herzlichen Dank dafür, dass du diesen Artikel zu #SchlossGenuss veröffentlicht hast und zu keiner anderen Gelegenheit. Die Eindrücke vom Kloster Sopron, der europäische Gedanke, das Paneuropäische Picknick, Geschichte und Gegenwart – was hättten wir uns mehr wünschen können?

    Herzliche Grüße von
    Andrea, der Projektleiterin für “Zu Tisch! Genießen in Schlössern und Gärten”

    • Nadine
      Reply Nadine 4. Mai 2018

      Danke, liebe Andrea! Da fällt mir ein: Vielleicht könnt ihr die Beiträge der Blogparade ja sogar in eine eingebundene Karte “übersetzen”. – Karten sind immer so wunderbar, um Raum zu verstehen (und sich zum Selbst-Hinreisen hinreißen zu lassen). 🙂
      Herzliche Grüße, Nadine

  • Reply Monika und Petar 4. Mai 2018

    Liebe Nadine,

    dass die Stille klösterlichen Lebens Dich fasziniert, kann ich sehr gut nachvollziehen. Es ist, als ob man eine andere Welt betritt, sobald man die Schwellen eines Klosters überschreitet. Wir haben das bereits mehrmals erleben dürfen in Klöstern in Österreich, in denen wir übernachtet haben.

    Dabei haben wir erstaunliche Unterschiede erlebt: während die Übernachtung im Kloster St. Lambrecht in der Steiermark der von Dir beschriebenen sehr ähnlich war, sahen die Nächte in den Klöstern der Marienschwestern von Karmel in Bad Mühllacken und Bad Kreuzen ganz anders aus. Dort erinnerte vieles mehr an ein Kurhotel als an ein Kloster. Der Gedanke der Heilung spielte in diesen Klöstern bereits im Mittelalter eine Rolle und setzt sich in der heutigen Welt auf moderne Art und Weise fort. Ein sehr interessanter Ansatz klösterlichen Lebens, fand ich.

    Vielen Dank für Deinen interessanten Beitrag.

    Herzliche Grüße,
    Monika und Petar

    • Nadine
      Reply Nadine 4. Mai 2018

      Liebe Monika, lieber Petar,
      interessant, dass ihr das ansprecht. Ursprünglich wollte ich noch etwas zu solchen Unterschieden schreiben, die sehr schnell fühlbar sind zwischen scheinbar ähnlichen Plätzen. Wäre aber zu lang geworden, ihr kennt das …
      Jedenfalls: Ich denke, vieles hängt von der Lage und von der Größe/den Übernachtungsmöglichkeiten ab. Ich stelle mir vor, dieses Kloster stünde in dieser Form vor den Toren Münchens – wahrscheinlich wäre es permanent mit Hochzeiten und exklusiven Events großer Firmen ausgebucht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht liegt es doch mehr an der Philosophie des jeweiligen Hauses. – Werde mir mal die Websites der von euch angesprochenen Häuser anschauen. Bekomme gerade richtig Lust, wieder mehr in diese Richtung kennenzulernen. 🙂
      Viele Grüße
      Nadine

  • Reply SchlossGenuss: Welches Schloss, Burg, Kloster & Garten fasziniert? 9. Mai 2018

    […] Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Baden-Württemberg. Die Themenvielfalt ist groß, wie das Paneuropäische Frühstück in Sopron oder die Klosterwelt im Burgenland und Bayern […]

  • Reply DSGVO-konform fotografieren: als Blogger am besten ohne Personen – ein Selbstversuch | #12von12 12. Mai 2018

    […] werden. Es gibt sogar tolle Preise zu gewinnen. Auch Nadine machte mit bei SchlossGenuss mit „Über europäische Geschichte nachdenken“ mit. Weiter Infos zur Blogparade findest du in: „#SchlossGenuss: Welches Schloss, Burg, […]

  • Reply Kaiserburg, Eppelein, Burgenwinkel und my Home is my Castle 4. Juni 2018

    […] „Über europäische Geschichte nachdenken“ // @Kultur_Natur […]

  • Reply Anja Kircher-Kannemann 8. Juni 2018

    Liebe Nadine,
    ein wundervoller Blogpost und offenbar auch ein wundervolles Gebäude. Vor allem seine Bedeutung für die europäische Geschichte war mir zuvor nicht bewusst. Ein spannender Bogen, den Du mit Hilfe dieses Gebäudes geschlagen hast vom späten Mittelalter bis in die Jetzt-Zeit hinein. europäische Geschichte am Beispiel eines Gebäudes.
    Vor allem finde ich es auch sehr schön, dass das Kloster, obwohl inzwischen Hotel, immer noch öffentlich ist und besichtigt werden kann.

    Herzliche Grüße
    Anja

    • Nadine
      Reply Nadine 21. Juni 2018

      Liebe Anja,
      ja, da geht’s mir ähnlich: Es ist toll, dass das Kloster auf diese Art letztlich allen offen steht, die mal für ein, zwei Stunden reinschauen wollen. Obwohl ne Nacht in der Mönchszelle wirklich auch was hat! 🙂
      Herzliche Grüße
      Nadine

  • Reply Grenzenlos wandern Deutschland-Österreich | auf-den-berg.de 21. Juni 2018

    […] Bike&Hike Tour entlang der deutschen Alpengrenze gemacht. Ein persönlicher Artikel der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron bei […]

  • Reply Slawenburg Raddusch - Osten - Da ist doch nichts? 30. Juni 2018

    […] dem Kloster Bánfalva in Sopron berichtet KulturNatur von der Öffnung des Eisernen […]

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